Nach dem großen Erfolg von „Sleep Well Beast“ wollten The National eine wohlverdiente, kreative Pause einlegen – eigentlich. Doch als dies gerade beschlossene Sache war, kam es zu einer außergewöhnlichen Konversation, die schlussendlich zu einem außergewöhnlichen Projekt führen sollte. Zu ihrem 20. Bandjubiläum haben sich The National in Zusammenarbeit mit dem Oscar-nominierten Regisseur Mike Mills einen musikalischen sowie cineastischen Meilenstein namens „I Am Easy To Find“ erschaffen.

Ein Artikel von Anna Fliege – Die Kunstformen der Musik und des Bewegtbildes sind seit jeher ein verlässliches Duo. Sie untermalen einander, bestärken und verdeutlichen sich gegenseitig. Doch bleiben sie meist ein ungleiches Paar, stehen hierarchisch meist untereinander statt nebeneinander. Lassen sich inspirieren, aber nie leiten. „I Am Easy To Find“ ist eine Ausnahme.

Mike Mills, der Regie bei Filmen wie „Jahrhundertfrauen“ und „Beginners“ führte, bekannte sich als großer Fan der in New York lebenden Band und äußerte seinen Wunsch, in irgendeiner Art kreativ mit ihnen zusammenzuarbeiten. Frontmann Matt Berninger, widerum großer Fan von Mills Werken, stimmte zu.

Nun kommen berichtigte Zweifel auf, ob eine Band, die eigentlich gerade dabei war, mal nicht an neuer Musik zu arbeiten und sich obendrein auch noch von einer außenstehenden Person in Form von Mike Mills kreativ leiten zu lassen, ein geniales Album produzieren kann. Aber The National haben noch nie ein schlechtes Album veröffentlicht, ganz im Gegenteil. Und vielleicht ist „I Am Easy To Find“ sogar eines ihrer auf lange Sicht genialsten Werke.



Das achte Studioalbum der legendären Indie Rock-Band steckt voller Sehnsucht. Während die tiefgründigen Texte übersät sind mit Herzschmerz-Anekdoten, wirkt das musikalische Bild, das sich Song für Song weiter aufbaut, seltsam hoffnungsvoll. Das 2017-er Album „Sleep Well Beast“ legte sich schwer auf den Brustkorb, „I Am Easy To Find“ hingegen fühlt sich an, als wäre just in diesem Moment der Druck von unserer Seite gewichen. Loslassen, durchatmen – das beginnt schon mit dem Opener „You Had Your Soul With You“.

„Learning how not to die inside a little every time
I think about you and wonder if you are awake“

Diese Metapher zieht sich durch alle Ebenen des Albums. Während sich auf den vergangenen The National-Album zusätzliche Stimmen neben Berningers höchstens im Hintergrund wahrnehmbar waren, löst man sich nun von alten Mustern und schafft Raum für Künstlerinnen wie Sharon Van Etten, Lisa Hannigan, Mina Tindle und David Bowie-Bassistin Gail Ann Dorsey. Diese dominieren auf den Tracks mal mehr, mal weniger und erfrischen das Prozedere. Der Einsatz des Brooklyn Youth Chorus verleiht dem Konzept weitere Tiefe.

Und doch ist es am Ende die unverwechselbare Baritonstimme des The National-Sängers, dass dieses Brennen in der Brust auslöst, mal melodisch, mal erzählend auftritt. Ein Brennen, von dem man lange nicht sagen kann, ob es ein euphorisches ist oder nur die Vorbereitung auf erleichternde Tränen. Es ist diese Schwebe zwischen Emotionen, die The National mit ihrer Musik erschaffen und als ihr Alleinstellungsmerkmal verzeichnen.



I Am Easy To Find“ ist mit seiner einstündigen Laufzeit und 16 Tracks ein Album, in dem man sich verlieren kann und sollte. Eine Realitätsflucht, obwohl sich die Worte, die so dunkel und kratzig aus Matt Berningers Mund kommen, sehr real anfühlen. Dass den Mills-Kurzfilm so emotional untermalt, dass man die gemeinsame Erarbeitung der Werke nicht leugnen kann.

„I know I am easy to find but you know it’s never me“

Ein The National-Album, das sich nicht in den Schatten der vorhergegangenen Klassiker wie „Boxer“ stellen muss, sondern für sich allein stehen und glänzen kann. Auch, wenn es nicht zuletzt eine schöne Hommage an das vorletzte Album „Trouble Will Find Me“ aus dem Jahr 2013 ist, das mit dem Song „Hard To Find“ seinen Abschluss fand.

Schlussendlich ist „I Am Easy To Find“ der wohl ästhetischste Beweis dafür, wie großartig etwas werden kann, wenn man nur einmal über seinen eigenen Tellerrand schaut, seine Comfort Zone verlässt, mutig ist.



THE NATIONAL live

15.07.19 Jahrhunderthalle, Frankfurt
16.07.19 Stadtpark, Hamburg – ausverkauft
26.11.19 Columbiahalle, Berlin
27.11.19 Columbiahalle, Berlin
01.12.19 Ruhrcongress, Bochum
02.12.19 Palladium, Köln
04.12.19 Zenith, München
05.12.19 Porsche Arena, Stuttgart


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Graham MacIndoe