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The Ninth Wave & „Infancy Part I“: Die Geburt einer neuen Generation im Indierock

The Ninth Wave & „Infancy Part I“: Die Geburt einer neuen Generation im Indierock

Es ist mal wieder soweit: Mit The Ninth Wave beehrt uns das Vereinigte Königreich nach alter Tradition erneut mit einer wunderbaren Indierock-Band. Sie bewegen sich irgendwo zwischen Goth Pop, Post-Punk und 80s New Wave und sind trotzdem unverwechselbar. Woran liegt das?


Ein Artikel von Maren Schüller – Obwohl bisher nur ein paar EP’s veröffentlicht wurden und mit „Infancy Part I“ via Distiller Records Ende dieses Monats erst der erste Teil ihres Debütalbums erscheint, werden die Schotten im Internet schon heftig gefeiert. Blickt man in die YouTube-Kommentarspalte, sind die User durchweg begeistert: „I never knew I could love a band so much.“ ist nur eine der vielen positiven Reaktionen auf die letzte Single-Auskopplung „Used To Be Yours“.

Sie wissen, was sie wollen

The Ninth Wave gründeten sich im Jahr 2016, sie stehen also noch am Anfang langfristiger musikalischer Entwicklung – trotzdem klingt kein einziger Song nach Kinderschuhen.

Was sich über die bisherige Karriere sagen lässt? 2016, also kurz nach Gründung der Band, werden sie mal eben bei den Scottish Alternative Music Awards zum besten Newcomer gekürt. Bei einem Festival treten sie als Support von der international gefeierten Band CHVRCHES auf. Und für ihre erste EP „Reformation“ arbeitet das Quartett mit niemand geringerem als dem Produzenten Dan Austin zusammen, der sich mit Zusammenarbeiten mit den Pixies, Maximo Park und Massive Attack schmücken kann. Sieht ganz so aus, als würde da alles wie am Schnürchen laufen.

Zurückhaltend sind die vier Musiker definitiv nicht. Anstatt mit einem Debüt noch unsicher zu wirken, fahren The Ninth Wave direkt die ganz großen Geschütze auf. Schon der erste Song „This Broken Design“ klingt wie eine Hymne. Danken müssen wir dafür definitiv der wunderbaren starken Stimme des Sängers Haydn Park-Patterson und den ausgefeilten Choreinsätzen – Tragik vom feinsten.

Sie haben einen wahrhaftigen Sinn für Ästhetik

Tragik findet sich nicht nur in der Musik, sondern schon im Bandnamen. The Ninth Wave heißt auch das berühmteste Gemälde des russisch-armenischen Künstlers Ivan Aivazovsky und stammt aus dem Jahr 1850. Die neunte Welle ist laut einer alten Segler-Redewendung eine unglaublich große Welle, die auf eine Reihe von sowieso schon schwer bekämpfbaren Wellen folgt. Trotz der wilden See strahlt das Bild Hoffnung aus. Die Ästhetik in diesem Begriff geht bei der jungen Band wunderbar auf: Sie sind vier junge Menschen im Jahr 2016, ein dunkles Jahr. Die Beispiele sind vielfältig, ob es nun um Naturkatastrophen, Terroranschläge oder die extrem wichtige Wahl des neuen US-Präsidenten geht, man sah sich in diesem Jahr sehr oft vor viel zu großen, gefährlichen Wellen. Und jetzt? Wer weiß, ob die neunte Welle noch kommt oder ob wir sie schon überlebt haben. Kombiniert mit ihrer Post-Emo-Ästhetik zeichnet der Bandname ein sehr passendes Bild von der Wahrnehmung der heutigen Zeit.

Sie sind clever

Junge Menschen werden bombardiert mit Neuigkeiten aus aller Welt, die oft zum Pessimismus verleiten. Wichtig ist, nicht darin zu versinken, sondern sich immer wieder irgendwie zu fassen. The Ninth Wave entwickeln in Songs wie „This Broken Design“ wunderschön-niedergeschlagene Klangwelten und lassen sie auf disruptive Drums treffen. Zusammen mit dem narkotischen Gesang von Park-Patterson und neuerdings auch der Bassistin Millie Kidd ist auch die Single-Auskopplung „Used To Be Yours“ eine enttäuschte Momentaufnahme.

You can’t lay your hands upon what used to be yours“

Anstatt sich jedoch in der Enttäuschung über das große Ganze zu vergraben, ist die Band aus Glasgow in der Lage, sich reflektiert mit Themen wie dem Alleinsein und der eigenen Gesellschaft auseinander zu setzen. The song is set in the No Man’s Land that you find yourself in after a relationship ends, where you still feel like you have some sort of possession over each other,”, sagt Millie. “It reflects upon the inability to find comfort in one’s own company.“

Sie machen sich nichts aus Regeln

Wenn eine Band heutzutage mit dem Wort „Indierock“ in Verbindung gebracht wird, rollen viele Menschen schon mit den Augen und stecken sie gedanklich in eine Schublade mit Arctic Monkeys, The Killers und The Black Keys. Doch diese Band will einfach nicht reinpassen. Bei ihnen gibt es nicht nur E-Gitarren und Männergesang, sondern eben auch Synthie-Einsätze und die singende Bassistin Millie Kidd. Ungewöhnlich ist auch, dass gerade die Bassistin zusammen mit dem Sänger meistens die Band repräsentiert, anstatt sie einfach nur in den Hintergrund zu stellen. Man sieht also, dass bei The Ninth Wave einfach andere Verhältnisse herrschen als bei den Indierock-Bands der 2000er Jahre. Sie machen es anders, und siehe da, es wird spannender, reichhaltiger, besser!

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Unkonventionell ist auch der Weg ihrer Debütalbum-Veröffentlichung. Fans müssen sich erstmal mit den ersten sechs Songs abfinden und auf den zweiten Part von „Infancy“ warten, der im November erscheint. Man kann es ihnen aber nicht übel nehmen, weil sie genau durchschaut haben, wie die Branche momentan funktioniert. Also beanspruchen sie einfach ganz selbstbewusst, was ihnen zusteht:

„The way the world is, listening to music now, everyone gets bored. easily,“ sagt Park-Patterson. „We took a year to make the album and then if we put the whole thing out, in maybe a month or so, it’s like people expect to hear something else. We took a year to make, so it should take a year to put it out.“

Unsere Empfehlung: Traut euch, in die konventionsbrechende Welt von The Ninth Wave einzutauchen. Es gibt vieles mitzunehmen: Trost in schlechten Zeiten, das Gefühl, dass endlich jemand sagt, was man sich schon so lange dachte, und natürlich Krach, wie wir ihn lieben.



07.05. Köln – MTC
08.05. Hamburg – Molotow
09.05. Berlin – Cassiopeia


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