Denkt ihr manchmal sehnsüchtig an die Zeit vor gut 10 Jahren zurück, als Indie-Musik der heißeste Scheiß war und wir mit heute zeitlosen Alben überschüttet wurden, die noch jetzt jeden Freitag & Samstag in irgendeinem kleinen Klub für große Freudeneskalationen auf den Tanzflächen sorgen? Ja, so geht es mir auch. Ab heute können wir allerdings erst einmal aufhören zu seufzen, denn The Vaccines, die in den goldenen Zeiten des Indie-Rocks noch gar nicht in ihrer jetzigen Formation existierten, bringen mit „Combat Sports“ vielleicht die Indie-Platte des Jahres auf den Markt.

„I can’t quit, I’m over it.“

Dass „Combat Sports“ kein dahergelaufenes Werk werden würde, ließ sich schon nach den irre-guten Vorabsingles „I Can’t Quit“ und „Nightclub“ behaupten. Songs, die man in eine Indie-Klassiker-Playlist packen könnte und zwischen Alltime-Classics von Franz Ferdinand, The Strokes und den Arctic Monkeys gar nicht auffallen würden.

Die Band, die sich einst im Süd-Westen der britischen Hauptstadt gründete, vereint auf diesem Album ein stimmiges Zusammenspiel ihrer Instrumente mit catchy Songtexten – alles dabei so tanzbar, dass man gar nicht mehr aufhören möchte, umherzuspringen (wenn wir von „Young American“ einmal absehen). Da kann es schon einmal passieren, dass die ein oder andere Luftgitarre herausgeholt wird. Wie gut die neuen Songs auf den nahenden Festivals (bei uns kann man sie beim Hurricane & Southside Festival feiern) und später hoffentlich auf einer Headliner-Tour funktionieren werden, lässt sich schon voller Euphorie erahnen.

Out On the Street“ hat diese wunderbare Surf Punk-Attitude, während „Rolling Stones“ so richtig schönen Alternative Rock mit sich bringt. Gitarrensoli von Freddie Owan gibt es auf dem vierten Album zum Glück zu Hauf (11 Stück auf 11 Songs), „Surfing in the Sky“ ist nur ein hervorragendes Beispiel dafür.

Den Stempel „Lieblingssong“ drücke ich allerdings „Your Love is My Favourite Band“ auf. Die Nummer mit den Synthesizern und der Analogie, die Musik-Nerd-Herzen höher schlagen lässt, ist ein toller Ohrwurm.

„I know you like to do me wrong but your love is my favourite song.
I knew you wouldn’t understand but your love is my favourite band“

Nicht immer lief es intern so rund, wie die Stimmung des Albums vermuten mag. So verließ Schlagzeuger Pete Robertson die Band im vorletzten Jahr, während der Aufnahmen zum Album kamen sich Sänger Justin Young und Gitarrist Freddie Owan nicht nur verbal in die Queere. Doch der Titel „Combat Sports“ (dt.: Kampfsport) habe dabei keinerlei negativen Leitgedanken, ganz im Gegenteil. Young beschreibt es so: „[…] für mich beinhaltet er Überleben, Stärke, Hingabe, Pracht, Gewinnen. Wir sagen ja nicht, dass es wie ein ‚Kampfsport‘ ist, in einer Band zu sein und ein Album aufzunehmen – uns ist vollkommen klar, was für ein Glück wir haben. In den Texten sagen wir, dass das Leben wie ein Kampfsport ist. Liebe ist ein Kampfsport. Freundschaft ist ein Kampfsport. Psychische Gesundheit ist ein Kampfsport. Aber es liegt so viel Hoffnung und Positivität in der Melodie und in unserer Liebe zur Musik.” Welch schöne Metapher!

Mit „Combat Sports“ erhalten wir im Jahr 2018 ein Album, welches nach frischer 00er-Nostalgie klingt und aufzeigt, dass richtig guter Indie-Rock nicht tot ist, sondern nur länger im Urlaub war. Als The Vaccines mit ihrem Debütalbum 2011 nonchalant fragten: „What Did You Expect From The Vaccines?„, möchte ich heute, sieben Jahre und drei Alben später, antworten: genau das! Ein Anwärter auf einen Platz in (meinen) Top 10 Alben des Jahres.



Autorin: Anna Fliege

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