In den Tagen vor dem Release hängt an der Unterführung des Londoner Bahnhofs London Bridge ein riesiges Plakat, das ein Zitat des Q Magazine ziert: „THE BAND OF THE DECADE“. Sichtbar für jeden der abertausenden Londoner und Touristen, die tagtäglich diese Kreuzung überqueren. The 1975 sind Ende 2018 allgegenwärtig, ihr drittes Album „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ mit Spannung erwartet. 


Ein Artikel von Anna Fliege – Ein Album, welches viele als Millennial-Version von Radioheads legendärem „OK Computer“ bezeichnen, eine Ansammlung unterschiedlichster Genres und Inspirationsquellen – eine davon Bon Ivers „22, A Million“. Healys Stimme dabei immer noch der größte Wiedererkennungswert, der zuvor so prägnante Synth-Pop noch da, aber längst nicht mehr einziger Grundbaustein. „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ ist ein Game-Changer für The 1975, eine Image-Reinkarnation.

Dabei verabschieden sie sich schon beim Cover vom so ikonisch gewordenen leuchtenden Rechteck. Oberwiegend weiß, ist das ABIIOR-Cover minimalistisch, einzelne bunte Pixel durchbrechen die Reinheit. Doch wer dahinter ein ebenso leeres Album erwartet, liegt meilenweit daneben. Never judge an album by its cover. Immerhin ist es der bisher vielseitigste, eklektischste Longplayer des Manchester-Quartetts.

Es ist das erste Album eines Zyklus. Der „Music For Cars„-Ära (eine Hommage an eine der ersten 1975-EPs), die 2020 mit dem vierten Album „Notes On A Conditional Form“ abgeschlossen werden soll. Es ist zudem das erste Album der Band, das exklusiv von Frontmann Matty Healy und Drummer George Daniels produziert wird.



Our first three albums are the story of a person; it’s always kind of been my story. It spanned adolescence to maturity, success and trying to mediate the two, and the third one is where we are now“ erzählt Matty Healy dem NME Magazine vor dem Release. Und blickt man auf das gesammelte Werk, so macht alles Sinn. Nicht nur lassen sich die Alben aufgrund ihrer Gesamheit in drei Episoden unterteilen, die Songs nach dem altbewerten „The 1975„-Opener spiegeln es perfekt wider. Coming-Of-Age („The City„), der Umgang mit Ruhm und Bekanntheit („Love Me„) und nun, auf dem dritten Album, die Rückbesinnung auf sich selbst – und die Gesellschaft.

Give Yourself A Try“ ist ein Song zum Erwachsenwerden. Nicht einer derjenigen, die man mit 18 braucht, nein, eher mit Mitte 20. Healy ist zum Zeitpunkt des Releases im letzten Jahr seiner Zwanziger und bringt kein exzentrisches ‚don’t grow up, it’s a trap‘, keine altersbedingte Besserwisserei, mit sich, vielmehr versöhnliche Eingeständnisse, ohne Reue gezeichnet: „You learn a couple things when you get to my age /  Like friends don’t lie and it all tastes the same in the dark“ beginnt der Track über einem euphorischen Gitarrenriff. „And what would you say to your younger self? / Growing a beard’s quite hard / And whiskey never starts to taste nice“ deckt Healy die Mythen des Älterwerdens auf.

I found a grey hair in one of my zoots /  Like context in a modern debate, I just took it out“ – Der Beginn der zweiten Strophe ein weiteres, makelloses Beispiel für das geniale Songwriting der Band. Fragwürdig allein die Grammy Awards-Nominierung in der Kategorie „Best Rock Song„, denn, seien wir mal ehrlich – mit Rock hat der Lo-Fi-Post-Punk-Hit doch wenig zu tun.



Nach der Veröffentlichung ihres zweiten Albums scheint die Welt endgültig vor die Hunde zu gehen. Als Montage dieser Ereignisse entsteht „Love It If We Made It„. Hier reihen sich Zeile für Zeile politische, kulturelle, gesellschaftliche und pop-kulturelle Nachrichten aneinander. Und das Genialste an dem Song, das man so schnell übersieht: Es reimt sich. Matty Healy hat es hinbekommen, den Mist, der tagtäglich in der Welt geschieht, so miteinander zu verbinden, dass es lyrisch Sinn macht. Eine Kunst für sich!

Für die Zeile „I moved on her like a bitch“ wird Kritik laut, doch auch dafür hat Healy die passende Antwort in einem Interview mit Pitchfork. Es handelt sich dabei um ein Zitat von Donald Trump: „No, if we’re going to get censored, we’re going to get censored for verbatim quoting the leader of the free world. That is the song in its essence. How weird is reality?

Und so wütend Matty Healys Stimme die Ereignisse wiedergibt, so objektiv sind die niedergeschrieben. Keine Bewertung. Einzig der Chorus trägt etwas Positives in sich, schafft Hoffnung, bricht das Bild: „Yes, I’d love it if we made it„.

Am Ende des Jahres 2018 kühren sowohl die New York Times als auch PitchforkI Love It If We Made It“ zum Song of the Year. Das Musikvideo zeigt passend zu den Zeilen einen bunten wie grausigen Zusammenschnitt von Nachrichten und dem damit verbundenen scheinbar sorglosen Voyeurismus der Menschheit.



Thematisch anknüpfend, doch aus einem völlig anderen Blickwinkel das von Trap und AutoTune-durchzogene „I Love America & She Loves Me„, das sich nicht mehr so rosa-rot wie „She’s American“ auf dem Vorgängeralbum mit der amerikanischen Kultur auseinandersetzt. The 1975 bringen Themen wie GenZ, Waffengesetze und die Angst vor dem Tod auf einer kulturell treffenden Songskizze zusammen: „Kids don’t want rifles, they want Supreme„.

Erwachsen- und Bewusstwerden ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesellschaftskritischen Pophymnen. „Sincerity Is Scary“ behandelt sanft die Beobachtung, wie Generation Y mit Selbstverständnis, Mental Health-Thematiken sowie Gefühlen und Emotionen umgeht. Und wo in dieser postmodernen Haltung Problematiken liegen: „Irony is okay, I suppose / Culture is to blame / You try and mask your pain in the most postmodern way„.

It’s Not Living (If It’s Not With You)“ scheint zuerst eine ergreifende Liebeserklärung, doch beschäftigt sich man mit dem Hintergrund des Tracks, so schwindet die Freude. Matty Healy begibt sich nach Jahres des Drogenmissbrauchs Ende 2017, inmitten der Aufnahmen zu „ABIIOR„, in einen zwei-monatigen Entzug und wird clean. Eine Zeit, in der viele Songtexte des Albums entstehen. Der Track behandelt die seltsame Beziehung zu Drogen, die er nach der Rehabilitation realisiert, zeigt sich offen und verletzlich.

Romantisierte ihr Hit „Chocolate“ noch den Umgang mit Substanzen, so kritisiert „It’s Not Living (If It’s Not With You)“ ihn. Dabei kommt der Song zumindest musikalisch am ehesten an die älteren Veröffentlichungen heran. Fröhliche, tanzbare Musik mit schweren Texten, die man unbekümmert mitsingt  – das sind The 1975 in a nutshell.

Die Spoken-Word-Performance, „The Man Who Married A Robot / Love Theme„, vorgetragen von der männlichen Siri-Stimme, erzählt eine Geschichte, die an den Film „Her“ oder die Netflix-Utopie „Black Mirror“ erinnert – und dabei doch so realistisch ist. Oder das fragmentale Spektakel um „How To Draw / Petrichor„, die ausufernden Skits, welche die Platte durchbrechen. Es sind die kleineren Parts des Albums, die The 1975 aus der Popstar-Schublade reißen und ihnen eine angesehenere Credibility schaffen.

Aber kann man zu diesem Album auch bitterlich weinen und sich in Liebeskummer wälzen? Na klar! Da gibt es den wunderschönen Akustik-Gitarren-Song „Be My Mistake„, der sich mit dem 2016er-Hit „Somebody Else“ um die Traurigkeit battlet, das melodramatische Streicher-Liebeslied „Inside Your Mind„. Das große Finale schließlich eingeleitet durch die Chor-begleitete Ballade „I Couldn’t Be More In Love„, die man auch bedenkenlos in den 90ern hätte veröffentlichen können. Und dann, der Closing Song „I Always Wanna Die (Sometimes)“, der bisher Brit-Popigste Song, zu dessen Thema Healy bei Genius schreibt: „The idea of wanting to die has become a big meme now.



Wieder ist es ein Album voller Erfolge für die Band. Wieder #1 der britischen Albumcharts. Es wird langsam zur Tradition. Einen Brit Award für das „British Album of the Year“, einen zweiten für „British Group“ (wie bereits 2017). Die zweite Mercury Prize-Nominierung, einen renommierten „Songwriters of the YearIvor Novello Award, „Love It If We Made It“ wird zudem als „Best Contemporary Song“ ausgezeichnet. Im Time Magazine landet das Album in der Jahresbesten-Liste auf #9, bei NME auf #1.

Die Album-Ära verschafft den alten Schulfreunden einen der höchsten Slots im Coachella-Line-Up, sie headlinen das ungarische Sziget Festival – doch das persönliche Highlight der Band ist zudem eine große Ehrung im eigenen Land: Headliner beim britischen Reading & Leeds Festival.

A Brief Inquiry Into Online Relationships“ ist ein wahnsinnig vielfältiges, in seiner gesamten Kreativität kaum greifbares Album. Eins, das zu seinem Erscheinen gesellschaftliche, politische und pop-kulturelle Generationsbeobachtungen zusammenbringt. Mal wertend, mal fast schmerzhaft objektiv. Neben dem Album als solches, sind die dazugehörigen Musikvideos erwähnens- wie sehenswert. Ein eindrucksvolles Storytelling, voller kleiner Details, Geniestreich an Geniestreich.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music