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#ThrowbackThursday: The 1975 & „I Like It When You Sleep, for You Are So Beautiful yet So Unaware of It“

#ThrowbackThursday: The 1975 & „I Like It When You Sleep, for You Are So Beautiful yet So Unaware of It“

Nach dem selbstbetitelten Debüt mit einem 16 Wort-langem Albumtitel zu kommen, das passt einfach zu gut zu dieser Band. Nieder mit der künstlichen Zurückhaltung. Höher, größer, bunter, lauter, exzentrischer. Synth-Pop-Galore. „I Like It When You Sleep, for You Are So Beautiful yet So Unaware of It“ verdeutlicht, dass The 1975 keine Blaupausen-Rockband, sondern detailvernarrte Musiknerds mit dem Hang zu großen Hits sind.


Ein Artikel von Anna Fliege – Im Februar 2016 verabschieden wir uns endgültig von der jahrelang gefeierten monochromen Ästhetik, mit der The 1975 die Herzen der Generation Y erobert hatten. Die einst nachtschwarzen Skinny Jeans offenbaren sich längst in einem verwaschenen Grau, der nahende Frühling erweckt alte Sehnsüchte. Gerade erst wurde das umgangsprachliche „millennial pink“ von Pantone zur Color of the Year gewählt.

ILIWYSFYASBYSUOI“ passt so gut ins Bild, wie es nicht passt. Wieder eröffnen Matty, George, Adam und Ross ihr Album mit dem Track „The 1975“ – der gleiche vulgäre Songtext, die gleiche Melodie, doch ein komplett anderes Setting. Healys Stimme wird verstärkt von einem Chor. Ein mächtig wabernder, immer größer werdender Sound zieht sich durch das Intro. Es wirkt majestätisch.

Cut. Gitarrenriff. „Love Me„. Die Lead-Single des Albums verbindet Funk mit klassischen Rockelementen und dem mitreißenden Pop, den die Band aus Manchester auf ihrem Debüt schon angeteasert hatten, nun aber endgültig entfalten. Die Steigerung von Album 1 zu Album 2 ist unfassbar, aber nicht zu überhören. Ein schneller Ohrwurm, unter dessen knalliger Oberfläche (wie so oft) ungeschönte Kritik an der Gesellschaft steckt.



Weitere Singleauskopplungen wie „UGH!“ und „The Sound“ verfolgen eine ähnliche Funk-geleitete Richtung, besitzen das gleiche Dauerohrwurm-Potential. Von der breiten Masse unterschätzte Tracks, darunter „She’s American“ mit seinen New Wave-Einflüssen, Saxophon-Parts und der Auseinandersetzung zwischen Band und Fans, werden zu gut gehüteten Favoriten.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist Healys Umgang mit Religion und Glaube. Als bekennender Atheist, so sagt er immer wieder in Interviews, habe er keinen Bezug zur Kirche oder Gott, finde dennoch großes Interesse darin und sehne sich danach, an irgendetwas glauben zu können. Schon 2013 ließ sich sein Struggle im Song „Antichrist“ raushören, im Song „Nana“ schneidet der Sänger das Thema erneut an.

Doch es ist „If I Believe You„, in dem er seine Gedanken bündelt und in einem minimalistischen, aber ausufernden Gospel-Song münden lässt. Selten war das geniale Songwriting-Talent so offensichtlich. „I’ve got a God-shaped hole, that’s infected / And I’m petrified of being alone / It’s pathetic, I know“ beginnt der Track. Er tritt mit den Glaubensfiguren ins Gespräch, singt fragend: „I’ll be your child if you insist / I mean, if it was you that made my body / You probably shouldn’t have made me atheist„. Schließlich endet der 6-minütige Song in einer Endlosschleife aus der unbefriedigenden Erkenntnis: „If I’m lost now then how can I find myself?

Das Herzsstück des 18 Track-Albums, „Somebody Else„, wird zum erfolgreichsten Song der The 1975-Geschichte. Erschütternder Herzschmerz, eng umschlungen von Genres wie R&B und Dance, das entfernt an The Weeknd erinnert, dabei im Kern doch so unbestreitbar The 1975 bleibt. Ein so akribisch produzierter Track, der trendleitende Musik der Zeit in den Schatten stellt.



Das zweite Album des Manchester-Quartetts manifestiert ihre Rolle als aufstrebende, richtungsweisende Band enorm. In der ersten Woche erobern The 1975 in gleich 8 Ländern die Pole Position der Albumcharts – darunter auch die US Billboard 200, quasi ein Freifahrtsschein für eine erfolgreiche Übersee-Karriere.

Musikmagazin NME, die der Band 2014 noch den Preis als „Worst Band“ verliehen und sie im darauffolgenden Jahr für eben diese Kategorie ein zweites Mal nominierten, kührt „ILIWYSFYASBYSUOI“ zum Album, „Somebody Else“ zur Single des Jahres. Im gleichen Jahr erhalten The 1975 zudem den NME Award in der Kategorie „Best Live Act„.

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Bei den Q Awards gewinnen sie in der Kategorie „Best Album„, erzielen ihre erste Mercury Prize Nominierung und nehmen Anfang 2017 den Brit Award als „British Band“ entgegen. Ja sogar eine Grammy Awards-Nominierung gibt es, dort allerdings „nur“ in der Kategorie „Best Boxed or Special Limited Edition Package„.

Dass sich der Albumtitel 2019 auch in zahlreichen End-of-Decade-Charts wiederfindet, ist kaum verwunderlich.

The 1975 erschaffen sich mit „I Like It When You Sleep, for You Are So Beautiful yet So Unaware of It“ ein Monumentum. Um dabei so massentauglich und außergewöhnlich zu sein, wie nur eben miteinander vereinbar. Kaum eine Band leistet zu diesem Zeitpunkt diesen Spagat. Man vergöttert sie oder kann überhaupt nichts mit ihnen anfangen. Es gibt kein Dazwischen mehr.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music

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