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#ThrowbackThursday: The 1975 & „The 1975“

#ThrowbackThursday: The 1975 & „The 1975“

Es ist der 02. September 2013. Ein Song über Oralverkehr beginnt, wenige Tracks später geht es um Waffen, Gras und andere Drogen. Doch ist dies kein Straßen-Rap-Album, sondern das Debüt einer der größten Indie-Bands der noch jungen Dekade. Um ihren Frontmann Matty Healy zu zitieren: „Ladies & Gentlemen, please welcome my favourite band from Manchester, it’s The 1975!“


Ein Artikel von Anna Fliege – Gestandene Musikjournalisten scheuen sich um überschwängliche Komplimente, John Aizlewood vom Q Magazine vergibt 3 von 5 Sternen, bekennt dabei immerhin: „[…] this is a band who sound like nobody else right now.

Mitt-Dreißiger raufen sich die verbliebenen Haare, ja NME verleiht dem Quartett aus Manchester sogar den Preis als „Worst Band„. Trotzdem feiert das Major-Debüt der Freunde, die bereits seit 2002 gemeinsam Musik machen, die Pole Position in UK und Schottland, Top 5s in Irland und Neuseeland.

Ihre Geheimwaffe: Tumblr-User*innen. Auf der damals so beliebten Blogging-Plattform werden sie mit ihrer Mischung aus Indiepop, Rock & Emo zu gefeierten Helden, ihre konstante Ästhetik beeinflusst tausende junge Menschen, die sich nach alternativer Identifikation sehnen. Blogs werden geflutet mit dem prägnanten Rechteck, das leuchtend das Cover schmückt. Lyrics werden unendlich oft zitiert, unter und noch lieber direkt auf Bilder geschrieben. Matty Healy wird mit seinen Tattoos, dem gelangweilten Blick und seinem dunklen Undercut bald zum gefeierten Sexsymbol der Zielgruppe.



Yeah we’re dressed in black from head to toe / We’ve got guns hidden under our petticoats / No we’re never gonna‘ quit it no we’re never gonna‘ quit it no“ – Von Anfang an brillieren The 1975 durch ihr außergewöhnliches Songwriting. Gepaart mit dem dominanten „Up North„-Akzent und Healys hoher, durchdringender Stimme, den 80s-Vibes, Pop-Synthesizern und Rock-Gitarren, von denen man nicht genug bekommen kann, bleibt der Sound der Band lange einzigartig, schafft ihnen Wiedererkennungswert.

Mit „Chocolate“ gelingt ihnen vor 7 Jahren der große, internationale Durchbruch. Es klingt nach knallbuntem, tanzbarem, unschuldigem Indie-Rock, während es um illegalen Cannabis-Besitz und die Flucht vor der Polizei geht. Ein Ohrwurm, der selbst den Unschlüssigen hängen bleibt. Der Song wird zur Hymne der Internet-Jugend.


„You’ve got a pretty kinda dirty face“


Mit 16 Tracks ist das selbstbetitelte Debüt schon damals ein ungewöhnlich großer Longplayer. Hitwürdige Tracks drängen sich hier eng an eng, unterbrochen von sphärischen, experimentellen Interludes. Eine opulente Ansammlung, die in keiner der noch so starren Genre-Schubladen passen will. Es klingt nach Sehnsucht, nach adoleszenter Leichtigkeit, hinter der sich viel Trauer versteckt. Sex, Drugs & Pop Rock’n’Roll beherrschen die Songtexte.

Songs wie „Sex„, „Girls“ und „Settle Down“ sind heute 1975-Klassiker, die nicht an Wertigkeit oder Attraktivität verloren haben. Doch es ist „Robbers„, der zum Heiligen Gral der Community wird, ähnlich wie Disney falsche Erwartungen an Romantik vermittelt und das wohl gefeierste Musikvideo der Bandhistorie mit sich bringt.


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Blickt man auf das Musikjahr 2013 zurück, mit besonderem Fokus auf Großbritannien, ergibt alles Sinn. Der Hype. Die Sehnsucht. Der ideale Zeitpunkt, um einen Fuß in die Tür der Nation zu setzen.

Radiotaugliche Popmusik ist dank der nicht enden wollenden Faszination um One Direction allgegenwärtig. EDM und Rap, Genres, die in den folgenden Jahren maßgebend werden würden, kaum existent. Bands wie Bastille und Künstler*innen wie Lorde feiern ihre ersten kommerziellen Erfolge. Mainstream-Indie (Arctic Monkeys, Mumford & Sons, Kings of Leon) ist in seinen letzten Erfolgs-Zügen, bevor es zur Nischenmusik wird.

The 1975 passen perfekt ins Bild der Zeit, trotzdem wirken sie wie Außenseiter. Und so ganz werden sie da auch nie von abkommen. Zum Glück.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music

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