Skinny Jeans, glitzernde E-Gitarren und ein Bandname, der eigentlich schwachsinnig ist, auf Englisch aber total cool und wie selbstverständlich klingt: Two Door Cinema Club sind der Inbegriff des britischen Indie-Pop. Fast ein Jahrzehnt nach ihrem bahnbrechenden Debüt „Tourist History“ veröffentlicht das nordirische Dreiergespann ihr mittlerweile viertes Album „False Alarm“. Doch wie haben wir den Titel eigentlich zu interpretieren?


Ein Artikel von Anna Fliege – Vermutlich spreche ich für viele Indie-Kids, wenn ich sage, dass Two Door Cinema Club zu Beginn der 2010er mein musikalisches Leben revolutionierten. Noch heute könnte man mich mitten in der Nacht wecken und ich wüsste genau, wann ich bei „Undercover Martyn“ zu klatschen hätte. In den Zeiten von „Tourist History“ und „Beacon“ verschlang ich ein Festivalauftritts-Video nach dem anderen, Glastonbury, Reading, T In The ParkTwo Door Cinema Club strahlten für mich dieses besondere Freiheitsgefühl aus. Ja ich weiß, meine Nostalgie hat angerufen und möchte gerne abgeholt werden.

Denn nach einer längeren Pause fiel es mir schwer, mich mit dem neuen TDCC-Sound, der durch das 2016er-Album „Gameshow“ eingeläutet wurde, anzufreunden. Alex, Kevin und Sam klangen plötzlich mehr nach Pop als Indie, elektronischer, synthetischer. Nicht schlecht, nur halt…anders. Statt auf der matschigen Festivalwiese, tanzte man gedanklich nun in einem glamourösen Nachtklub. Mit „False Alarm“ bleiben wir in dieser Welt.



Two Door Cinema Club klingen ein zweites Album in Folge nach Eighties, nach Funk, Synthies und Disco – mit Elementen aus vergangenen Zeiten schaffen sie so das, was wir jetzt Future Pop nennen. Aus den einst so schüchternden Jungs sind selbstbewusste, schillernde Ikonen geworden – das spiegelt sich nicht zuletzt auf dem Cover des neuen Albums wieder, auf dem einen nach einer Dekade zum ersten Mal die Bandmitglieder selbst ins Auge springen.

Es ist, als hätten sie es endlich und ein für alle Mal geschafft, über ihren eigenen Schatten und aus der Comfort Zone zu springen. „False Alarm“ ist frisch und außergewöhnlich experimentell. Mit Ecken und Kanten, Höhen und Tiefen – Letzteres sogar wortwörtlich.

Beim Song „Dirty Hit“ musste ich zwei Mal nachschauen, ob ich gerade wirklich einen Two Door Cinema Club-Song höre. Denn statt der prägnant hohen Stimme von Alex Trimble schallt mir eine ungewöhnlich tiefe Stimme ins Ohr. Das ist zwar immer noch Alex, aber gaaanz anders! Musikalisch klingt es nach einem gitarrenschweren „Tainted Love„. Wie gesagt, die Eighties haben hier große Relevanz. Weg also vom einstigen Markenzeichen, der monotonen Stimme, her mit allen Stimmverzerrern – „Think“ ist da so ein Paradebeispiel – und Tonlagen, die man mit zwei Händen tragen kann.



Ihren Ruf als Ohrwurm-Garanten werden sie deswegen aber längst nicht los. Schon die Melodie von Opener „Once“ dudelt man gedankenverloren vor sich hin und die erste Singleauskopplung „Talk“ hat so viele schöne „uuhuuu„-Passagen und schwungvolle Lines, wie wir es bereits vom letzten Album kennen. Allerdings insgesamt mit viel weniger offensichtlichen Gitarren.

Auch, wenn es mir sehr schwer fällt: es wird Zeit, sich gedanklich für die Zukunft von den alten Two Door Cinema Club zu verabschieden. Zu akzeptieren, dass „Gameshow“ nicht nur ein Experiment, sondern wegweisend für „False Alarm“ war. Während ich in der Zeitmaschine Richtung Vergangenheit bereits 2010 ausgestiegen wäre, ist die Band noch rund 25 Jahre länger sitzengeblieben.

Man merkt: ich tue mich schwer. Aus kreativer, musikalischer Sicht ist „False Alarm“ einwandfrei. Noch nie klang ein Two Door Cinema Club-Album so vielseitig und innovativ, dabei so selbstsicher. Aus alter Fansicht ist es ein Stich mitten ins Indie-Herz. Jaja, jetzt fängt die hier an mit „früher war alles besser“ – ich weiß. Wer die Achtziger mag, sie aber nie selbst miterlebt hat, wird Gefallen an „False Alarm“ finden. Und ich? Ja, ich werde wohl noch eine Weile brauchen, um mich daran zu gewöhnen.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Two Door Cinema Club