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Tyler, The Creator & „CALL ME IF YOU GET LOST“: Das Ausnahmetalent wird nicht müde

Tyler, The Creator & „CALL ME IF YOU GET LOST“: Das Ausnahmetalent wird nicht müde

Was kommt nach dem Besten, nach der finalen Steigerungsstufe?

Man muss mich nicht besonders gut kennen, um mindestens einmal aus meinem Mund gehört zu haben, dass Tyler, The Creators 2019er-Album „IGOR“ für mich eines der besten Alben der letzten Jahre/Jahrzehnte/Lebenszeiten ist. Konzeptig, schamlos queer-zelebrierend und voller Hits. Nachdem uns die elendige Pandemie die besten IGOR-Jahre geraubt hat (R.I.P. blonde Prinz Eisenherz-Perücke), legt Tyler mit „CALL ME IF YOU GET LOST“ ein neues, großes Album nach.

Und als groß können wir es gleich mehrfach betiteln: War IGOR geradezu komprimiert auf 12 featurelose Tracks, artet CMIYGL wie schon die Vorgänger-Alben „Flower Boy“ und „Cherry Bomb“ wieder richtig schön aus. Hier geben sich große Namen in der Tracklist und im Impressum auf 16 Songs und knapp 53 Minuten Spielzeit die Klinke in die Hand. Während das Lil Wayne-Feature nach seinem unangenehmen Trump-Support bei mir eher Bauchschmerzen als Schmetterlinge im Bauch auslöst, ist „JUGGERNAUT“ mit Lil Uzi Vert und Pharrell Williams eine überraschend gelungene Zusammenkunft.

Musikalisch übertrifft sich Tyler, The Creator wie gewohnt mal wieder selbst. Der Rapper hat im vergangenen Jahrzehnt sein Genre so oft aus der Comfort Zone geschoben und neu erfunden, dass jedes neue Album eine Wundertüte ist. Den großen Jazz-Sound, den er auf jeden letzten Alben bereits angeteast hatte, entfaltet sich auf CMIYGL nun endgültig. Dazwischen gestreut scharfkantige Beats und Funk-Elemente.

MEINE LIEBLINGSSONGS

Mich ziehen beatlastige Tracks wie „LEMONHEAD“ magisch an. Kurz, eskalativ und ganz Tyler-getreu mit einem krassen Stilbruch im letzten Atemzug, der magisch in den nächsten Track („WUSYANAME„) übergeht. Man, diese Übergänge auf diesem Album sind fast noch genialer als die Tracks selbst! Wann kommt man noch in den Genuss, ein großes Album von vorne bis hinten so smooth durchzuhören?

Ich weiß gar nicht, wo ich mit meiner Liebe hier anfangen soll. Die Daisy World-Frontfrau Daisy Hamel-Buffa und ihre wunderschöne Stimme? Jamie xx als Produzent des Tracks? Der Vibe von „RISE!„, der irgendwo zwischen „IGOR“ und Frank Ocean hängt? LIEBLINGSSONG!

Ein astreiner Hit, der fast schon melancholisch nach älteren Tyler-Sachen klingt. Die drei Herren harmonieren überraschend gut und obwohl ich mich vorher niemals als Lil Uzi Vert-Stan betitelt hätte, mag ich seine Parts doch besonders gerne.

8:35 Minuten – der (ich habe nachgeschaut) bisher längste Tyler, The Creator-Song. Er ist einer der größten Storyteller der gegenwärtigen Musik, das ist längst kein Geheimnis mehr. Dennoch ist der Single-Take über eine gescheiterte Beziehung verdammt eindrucksvoll. Ein Talent und eine Leidenschaft, die in Zeiten von Streaming-Optimierung kaum noch auffindbar sind.

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And those feelings got so much gravity and it’s out of your control / that made me realize adults don’t know what they doin‘ either

Ich als IGOR-Ultra kann sagen: „CALL ME IF YOU GET LOST“ ist ein richtig gutes Album. Es holt mich persönlich niiiicht ganz so krass ab wie sein Vorgänger, aber ist ein großer musikalischer Genuss. Tyler, The Creator ist schon immer ein Ausnahmetalent gewesen und wird nicht müde, es in Storytelling, Ästhetik und schubladenzerberstenden Tracks zu zeigen. Zwar löst es in mir nicht die Emotionen seines Vorgängers aus (was ich auch gar nicht erwartet hatte), macht aber bei jedem Durchhören immer und immer wieder richtig Spaß.

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