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Underworld & Iggy Pop: „Teatime Dub Encounters“ oder ‚Einfach machen‘

Underworld & Iggy Pop: „Teatime Dub Encounters“ oder ‚Einfach machen‘

Kennt ihr diese Schnapsideen, bei denen man sich euphorisch „das müssen wir unbedingt machen“ entgegenruft und am nächsten Tag nie wieder ein Wort darüber spricht? Wir sollten uns ab jetzt ein Beispiel an der heute schon legendären Zusammenkunft von Iggy Pop und Underworld nehmen.

Als Iggy Pop den Zenit seiner Karriere erreichte, war ich noch nicht geboren. Und auch an die goldenen (Schallplatten-)Zeiten von Underworld erinnere ich mich aus eigenen Stücken nicht. Bekannt sind sie mir dennoch, natürlich. Die britische Elektroband, deren „Born Slippy“ die Inkarnation der musikalischen 90er ist. Iggy Pop, der rüstige „Lust For Life„-Punkrock-Renter mit wallender Haarpracht und ohne Oberteil, der mich zuletzt mit seiner Josh Homme-Dean Fertita-Matt Helders-Kooperation „Post Pop Depression“ vor zwei Jahren völlig abholte (schnapp dir Mitglieder von Queens Of The Stone Age und den Arctic Monkeys und schon hast du die jungen Leute auf deiner Seite). Beide Acts für immer verewigt auf den Soundtracks zu „Trainspotting“ und „T2 Trainspotting„.

Letzterer Soundtrack führte schließlich dazu, dass Underworld und Iggy Pop beschlossen, ein gemeinsames Stück Musikgeschichte zu schreiben – nebeneinander funktionierte dies in den letzten Jahrzehnten schließlich ausgezeichnet. Das britische Duo lud den amerikanischen Sänger in ihr Londoner Savoy-Hotelzimmer ein und überrumpelte ihn mit einem vollständig aufgebauten Mini-Studio. So entstand schließlich ziemlich spontan die gemeinsame EP „Teatime Dub Entcounters„. Vollprofis halt. 4 Tracks auf 27 Minuten. Eine knappe halbe Stunde, die Kreativität und Genialität dreier Menschen vereint, die sich diese Attribute schamlos in den eigenen Steckbrief schreiben dürfen.

But still I remember smoking on the airplane

Bells & Circles„, der Opener, lässt sich simpel als ein 7 1/2 minütiges Spoken Word-Meisterwerk bezeichnen, in welchem Iggy Pop die Vorzüge und Nachteile des Rauchens im Flugzeug aufzählt. Das mag absurd klingen, klingt in Wahrheit aber genial und schon fast charmant. Hinzu kommt eine große Prise Politikkritik und fertig ist Track 1.

Haben wir uns gerade noch auf die komplexe Wortakrobatik konzentriert, reißt uns „I’m Trapped“ vom Sofa und lässt uns wild zu den treibenden Melodien tanzen. Ach Underworld! Dazu kommt Iggy Pop und mit ihm der Songtext, den man direkt während des Tanzens mitgrölen möchte: „I’m trapped, I’m trapped and I never get out no more!

Get your ass out of the dirt, get your shirt baby, get your shirt

Vergleichsweise kurz (immerhin immer noch 4:50 Minuten, aber wie gesagt, im Vergleich) ist der Track „I’ll See Big„, der eigentlich gar kein Song ist. Der ruhige Ambientsound legt sich unter Iggys Erzählung. Mit ruhiger, tiefer Stimme philosophiert der 71-Jährige von Freundschaften. Hallo, Gänsehaut!

Mit dem Closing Song „Get Your Shirt“ bekommen wir wohlmöglich endlich die Erklärung für Iggy Pop’s immerzu luftiges Auftreten: „ I lost my shirt„. Aber Spaß beiseite, so simpel sind diese Songs natürlich nicht konzipiert. Das verlorene T-Shirt bietet die ideale Metapher für schlechte Entscheidungen und das eigene Aufraffen nach eben solchen. Underworld verpacken die ganze Story in eine überaus tanzbare Nummer, mit der wir uns mindestens wippend von „Teatime Dub Entcounters“ verabschieden.

Zwei Acts, die nicht unterschiedlicher sein könnten, trafen sich in einem Hotelzimmer, um vier Tracks aufzunehmen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Beide Parteien brachten ihre unverwechselbaren Elemente zusammen und schufen so etwas völlig Neues. „Teatime Dub Entcounters“ präsentiert den Ausbruch aus hochpolierten, überproduzierten, monatelangen Big Studio-Produktionen. Einfach aufbauen, hinsetzen, loslegen. Und wer so viel Erfahrung gesammelt hat wie Iggy Pop oder Underworld, kann das auch einfach machen.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Baker Ashton

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