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Viagra Boys & „Welfare Jazz“: Wo Sehnsucht auf Wut trifft

Viagra Boys & „Welfare Jazz“: Wo Sehnsucht auf Wut trifft

Mit ihrem zweiten Album „Welfare Jazz“ setzen Viagra Boys die Messlatte für Post-Punk ziemlich hoch und zeigen sich äußerst experimentierfreudig.

Die Band mit dem Namen, der in Pressemail-Betreffs zensiert werden muss, damit es nicht direkt im Spam-Ordner landet. Und da gehören die Schweden nun wirklich nicht hin! Die sechs klassisch ausgebildeten Jazzmusiker sind so schön abstrus und bringen genau die Energie mit, die wir 2021 brauchen. Nach ihrem Debütalbum „Street Worms“ in 2018 sind Viagra Boys mit ihrem Nachfolger „Welfare Jazz“ eine der aufregendsten Bands des Jahres.

Sie machen Musik für Kellerkneipen, in denen noch geraucht werden darf. Jene, die in ihrer lebhaften Schummrigkeit nach dem 4. Bier langsam an Konturen verlieren und den Gedanken an den nächsten Morgen vollkommen ausblenden. Oder kurzum: Nach dem, was gerade am Weitesten entfernt scheint. Sehnsüchtiger Post-Punk mit Alternative Rock-Charakter, dabei viel experimenteller als ihre britischen und irischen Kollegen. Ob Jazz, New Wave oder Elektro, „Welfare Jazz“ ist ein Abenteuer.

Wo sie ihrer musikalischen Bubble allerdings treu bleiben ist, die Energie für jede Menge Kritik und Denkanstöße zu nutzen. Der Frust über Toxic Masculinity, Rassismus, Sexismus und Xenophobie wird über die Riffs gelegt und mit Satire gefüttert erträglicher und kollektiv explosiv. „I ain’t nice„, wie sie so schön im Opener gröhlen.

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Man möchte extatisch zu „Toad“ tanzen, umgeben von verschwitzten Menschen, sich vom „Into the Sun„-Bass beinahe zerbersten lassen und die seltsame Erotik, die in „I Feel Alive“ mitschwingt, mit jeder Zelle seines Körpers spüren. Ja, einfach mal wieder auf ein Konzert gehen, das wärs. „Oh jesus christ / I feel alive“ so laut mitsingen, als wäre es der erste und letzte Tag zugleich.

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