Bei einer Band, die seit 2005 zusammen Musik macht und nun ihr neuntes Studioalbum veröffentlicht, könnte man bei dem Titel „Side Effects“ via City Slang (Rough Trade) schnell denken, dass die Musiker müde sind und aus einer gealterten Perspektive über die wilden Zeiten des Rock’n’Rolls und deren Nachwirkungen wehklagen. Das Gegenteil ist der Fall: Nur ein halbes Jahr nach der letzten Veröffentlichung bringen die US-Amerikaner ein Album raus, das vor ungebändigter Energie und ungeahnten Experimenten strotzt. Ob sie jemals schlafen?


Ein Artikel von Maren Schüller – Wenn auch auf den älteren Alben oft der fetzige Sound einer Rockband à la The Black Keys oder Royal Blood im Vordergrund stand, legen White Denim jetzt vor allem Wert auf viele Kleinigkeiten, die dem Album den letzten Schliff und somit eine Ausgefeiltheit verleihen, die bei vielen anderen Bands dieses Genres fehlt. Bei „Side Effects“ geht es eben nicht darum, klassische Intro-Vers-Refrain-Rocksongs zu schreiben. Es geht um viel mehr, um eigentlich alles, das man nicht als langweilig bezeichnen kann. Denn White Denim bieten vieles, aber Eintönigkeit steht definitiv nicht auf der Karte.

Kein Einheitsbrei

Schon beim zweiten Song „Hallelujah Strike Gold“ kann man darüber staunen, dass die Band sich durch abwechslungsreiche Riffs einer Formlosigkeit anlehnt, die vor allem in den Sechzigern und Siebzigern bei Psychedelic Rockbands beliebt war. White Denim lassen bewusst viel Platz. Für alles, was ihnen so einfällt. Ob das nun der Einsatz von witzigen Samples, überraschenden Tempowechseln oder das Sammeln und Aufeinanderlegen von abstrakten und alltäglichen Klängen ist, ist völlig egal – alles kann, nichts muss.
Und zwischen all dem großen, lauten Konzept-Chaos findet man das etwas zurückhaltendere Herzstück des Albums: „NY Money“. Knappe sieben Minuten lang ist das Stück, das auf den ersten Blick wirkt wie ein unauffälliger Indie-Song, sich dann aber zu einer melodisch-spacigen Odyssee entwickelt. White Denim lassen Raum und vor allem Zeit für träumerische Gitarreneinsätze, die dem Stück eine atmosphärische Tiefe verleihen. Es ist der Klang von großer Vorfreude, bei der man sich in Gedanken verliert und Träume vor dem inneren Auge vorbeiziehen.

Hinsetzen und Luft holen ist nicht drin

Im Gegensatz zum letztjährigen Album „Performance“ – das sich genau dieser Geschichte eines „Performers“ auf der Bühne widmet – dokumentiert „Side Effects“ das Leben abseits der Bühne. Trotz der Träumerei und Experimentierfreude verlieren White Denim nie den schnellen Rhythmus, für den sie bekannt sind. In knapp 30 Minuten gibt es konsequent einfach mal keine Verschnaufpause. Es ist das Album einer enorm energiegeladenen Band, die aus allen Nähten platzt und wer noch nicht mit ihr vertraut sein sollte, für den ist dieses neue Album ein hervorragender Einstieg: eine Platte, die jeden Aggregatzustand von White Denim zelebriert und die Bühne für ein brandneues Kapitel eröffnet.

Nach ausführlicher Inspektion des Albums lässt sich sagen, dass sein Konsum für den Hörer bedenkenlos ist. Die Nebenwirkungen beschränken sich lediglich auf Begeisterung und einem Drang nach mehr Musik von White Denim.


Foto: Jo Bongard