Bristol gilt als Goldgrube der feinen britischen Musik, Legenden wie Massive Attack und Portishead fanden dort ihre Anfänge, die sich gerade zu Legenden mausernden IDLES bringen die Stadt im Südwesten Englands wieder auf dem Radar. Das Duo Yard Arms könnten die Nächsten in dieser Liste sein. Mit „Sanctuary Lines“ veröffentlicht das Duo bereits ihre dritte EP innerhalb weniger Jahre.


Ein Artikel von Anna Fliege – Inmitten einer Pandemie wollten Yard Arms ihre neuste EP eigentlich nicht veröffentlichen. Aber wer will das schon? Auf vier Tracks fasst „Sanctuary Lines“ die aktuellen Gefühlstiefpunkte und ja, sogar die Gefühlshöhepunkte, ziemlich treffend zusammen. Und ihre Single „These Four Walls“ wird außerplanmäßig zur Selbstisolierungs-Hymne.

DIE BAND

2018 gründeten Noah Villeneuve und Billy Golding das Powerduo Yard Arms. Seitdem veröffentlichten sie die EPs „Maiden“ (2018), „A Glossary Of Broken Humans & Beating Hearts“ (2019) und nun den dritten Streich, „Sanctuary Lines„. Eigentlich wollten Yards Arms in diesem Jahr von Club zu Club ziehen und dort ihre energiegeladenen Shows spielen – doch darauf müssen wir uns noch ein wenig gedulden. 

DER SOUND

Große, hymnische Gitarren. Indie-Rock, wie man ihn viel zu lange nicht gehört hat, irgendwo zwischen Melancholie und Enthusiasmus. Dazu jede Menge Emotionen, die von Glück bis Tränenausbruch reichen. Sie selbst beschreiben ihren Sound als „transatlantic, melancholic bops“ und wessen Phantasie damit noch nicht genug angereichert ist, hilft vielleicht ein weiteres Statement: „[…] think if Biffy started a super group with Interpol and Death Cab For Cutie„. Oder man hört einfach direkt rein. 

DIE THEMEN

Sanctuary Lines“ ist eine sehr lebensnahe EP. So stehen sich die eigene Existenz und die eigene Mortalität gegenüber. Am zu lang gelebten Perfektionismus wird langsam gezweifelt und schlussendlich stellt man fest, dass das Gras auf der anderen Seite gar nicht grüner ist. Zwar überhaupt nicht für eine weltweite Covid-19-Pandemie gedacht, treffen Fragen nach Selbstreflektion und -akzeptanz mitten ins Schwarze. Wie jeder 2020-Veröffentlichung wird auch dieser EP nachgesagt werden, wie ungewollt passend sie ist. Was die Frage aufwirft, ob gerade alles wirklich so anders und neu ist, wie man versucht zu beteuern?

DER LIEBLINGSTRACK

Es muss einfach „These Four Walls“ sein. Euphorische Indie-Rock-Gitarren, zu denen man über klebrische Clubböden und grüne Festivalwiesen tanzen will, vereinen sich im Refrain mit einer stadionreifen, kraftvollen Hook, zu der man die Arme in die Luft reißen muss. Ein Song, der eine besondere Vorfreude in mir auslöst und auf Yard Arms-Tourtermine warten lässt.

DIE PERFEKTE ERGÄNZUNG FÜR…

Fans sphärischer, schwermütiger und doch hoffnungsvolle Musik, nächtliche Autofahrten und Fans von Größen wie The Cure und The National.

DAS FAZIT

Yard Arms sind eine Band, die man momentan noch als Geheimtipp bezeichnen würde, dafür aber eigentlich längst zu groß und selbstbewusst klingen. Zeit also, Fan des Duos zu werden und ihnen die Stadionbühnen zu geben, die sie verdienen! „Sanctuary Lines“ ist eine kurzweilige EP, die Song für Song mit den eigenen Gefühlen spielt – auf eine gute Art und Weise.




Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Kieran Gallop