Eine sanfte Klavierbegleitung, warmes Licht, der vor Freude und Stolz strahlende Künstler auf der kleinen Bühne, der eine liebevolle Dankesrede hält. Wer nur dieses Bild sieht, wird sich schwer vorstellen können, dass hier im Essener Hotel Shanghai bis vor wenigen Sekunden ein energiegeladenes, Moshpit-lastiges Deutschrap-Konzert stattgefunden haben soll. Doch Yassin schafft den Spagat.


Ein Artikel von Anna Fliege – Herzlichkeit und Hiphop, ohne dabei in verweichtlichten Radiopop abzurutschen? Für viele sicherlich wenig bis unvorstellbar. Doch genau diese Herzlichkeit, die in der heutigen Zeit so häufig zu wünschen übrig lässt, zieh sich an diesem Abend im Hotel Shanghai, einer der schönsten Clubs des Ruhrgebiets in der Essener Innenstadt, durch.

Schon zum Einlass empfängt Yassin seine Gäste mit einem breiten Grinsen im Gesicht an seinem Merchstand direkt neben der Bar. Es liegt eine positive Nervosität im Raum, das Charisma des Rappers nimmt in komplett ein. Eine Geste auf Augenhöhe, die lange in den Herzen der Anwesenden bleiben wird.

Noch ein Bier an der Bar, dann geht es los. Der Name des Supports ist nur den Wenigsten ein Begriff: MINNEAPOLIS. Das dazugehörige Gesicht hingegen könnte dem ein oder anderen schon häufiger begegnet sein. Denn hinter dem Ein-Mann-Projekt steckt Konrad Betcher, bekannt als Keyboarder von Casper und Produzent – auch in den Credits von Yassins Album ist er zu finden. Rhytmische Indie-Beats, die mich ungeweigerlich zum Tanzen bringen. Neben mir zieht jemand den Vergleich zur letzten Kendrick Lamar-Tour, die von James Blake eröffnet wurde.



Es ist bereits die zweite Tour mit seinem Soloalbum „YPSILON„, das im Januar diesen Jahres erschien. Die erste Tour im Frühjahr ausverkauft und ein riesiger Erfolg, euphorische Festivalauftritte in den Sommermonaten und nun wieder quer durch’s Land.

Es sei kein normales Rap-Konzert, kündigt Yassin schnell an. Das Publikum müsse etwas dazu beitragen, nicht weniger als 100% geben. Kein Problem. Denn bei Tracks wie „Haare Grau“ und „Junks“ bleibt kein Fuß auf dem Boden, der Moshpit nimmt nun den ganzen, länglichen Raum ein.

Den Höhepunkt der Exstase erreicht das Konzert, als sich die Tür zur Stage erneut öffnet und Audio88 die Bühne betritt. Audio88 & Yassin, endlich wieder vereint. Als Special Guest begleitet er Yassin auf der gesamten Herbsttour. Das Duo performt gemeinsame Hits, zu „Gnade„, „Über Liebe“ und „Schellen“ rasten alle aus, Textsicherheit des Publikums 1+ mit Sternchen. Nochmal wird klargestellt, dass sie sich nicht getrennt haben, zur Sicherheit verrät Yassin sogar, dass im nächsten Jahr wieder ein Audio88 & Yassin-Album erscheinen wird. „Eine Kugel“ vom Soloalbum darf an dieser Stelle nicht fehlen, den Casper-Part übernimmt das gut vorbereitete Publikum.



Ehe man sich versieht, ist die Setlist fast zu Ende. Die Liveperfomance von „YPSILON“ untermauert nur einmal mehr, dass es sich um eines der besten Deutschrap-Alben des Jahres handelt. Yassin gibt sich,

Für seine neuste Single „Spring“ begibt sich der Rapper sogar selbst in den von ihn angefeuerten Moshpit. Doch mein ganz persönliches Highlight ist der vorletzte Track „Meteoriten„.  Eh schon als Lieblingssong des Jahres deklariert, wird das Liveerlebnis zu einem unvergesslichen. Konrad Betcher kommt zurück auf die Bühne, setzt sich ans Keyboard und begleitet Yassin bei dem ruhigen, emotionalen Song. In einer kurzen Kunstpause übernimmt das Publikum unaufgefordert den Gesangspart und singt dem staunenden Künstler den Refrain acapella entgegen. Gänsehaut!!!

Das Fazit: Ein Yassin-Konzert ist die beste Freitagabendbeschäftigung. Feiert mehr guten Deutschrap. Geht mehr auf kleine Hiphop-Konzerte. Hört viel viel mehr Yassin.

Der letzte und titelgebende Track trägt eine wichtige Message, auf die wir uns bei ihm verlassen können – „Fick‘ das Ende, ich fang‘ gerade erst an„.



YASSIN „YPSILON LIVE“ 2019

15.10.2019: Potsdam, Waschhaus
17.10.2019: Osnabrück, Kleine Freiheit
18.10.2019: Essen, Hotel Shanghai
19.10.2019: Bremen, Tower
24.10.2019: Hamburg, Molotow
25.10.2019: Dresden, Groove Station
26.10.2019: Darmstadt, 806qm
27.10.2019: Köln, Club Volta


Autorin & Photocredit: Anna Fliege