Für seine überaus kluge Wortgewandtheit ist Yassin seit gut einem Jahrzehnt in Kreisen der Deutschrap-Community bestens bekannt. Dass man sich deshalb noch einmal rückversichern muss, dass es sich bei „YPSILON“ tatsächlich um sein Debütalbum handeln soll (been there, done that), kann der Wahlberliner als Kompliment auffassen.


Ein Artikel von Anna Fliege – Gemeinsam mit Audio88 mischte Yassin in den letzten 10 Jahren die Rap-Szene auf. Zuletzt mit dem genialen 2016er-Album „Halleluja„, das er im Kardinalsgewand auf der Bühne zum Besten gab. Dass Yassin jedoch kein Heiliger ist, legt er in „YPSILON“ ohne zu Zögern offen.

„Doch was nützen die schönsten Metaphern,
wenn’s die Dümmsten nicht raffen?“

Dabei ist dieses „Debüt“ kein vorsichtiger Versuch, ohne Stützräder und auf eigenen Beinen zu stehen. Yassin kennt sich sowohl mit der Musiker- als auch auf der Produzentenseite bestens aus, weiß, was er will und steckt alles, was er hat und ist in „YPSILON„. Ein alteingesessener Newcomer quasi. Doch im Vergleich zu den bisherigen Werken wird es hier irgendwie noch ein Stück ernster, viel persönlicher, weniger zynisch. Man könne fast von einer neuen Ehrlichkeit des Deutschraps sprechen, die gerade durch die Gassen weht.

Hier wird der Zeigefinger nicht nur auf andere, sondern ganz bestimmt auf sich selbst gerichtet. Wir blicken hinter Yassins Fassade wie nie zuvor. Und verdammt, diese Offenheit steht ihm. Plötzlich steht (oder sitzt oder liegt, je nachdem, in welcher Position ihr dieses Album hören möchtet) man mitten in seiner Autobiografie. Flötenunterricht statt Kleinkriminalität.

„Es ist als ob die ganze Welt an meinen Lippen hängt
und mir fehlen die Worte.
Du siehst mich an und wartest auf die richtigen,
doch ich habe sie verloren.“

Das Gleichgewicht zwischen handwerklich krassen Raptracks und melodischen Songs, die man in den alltäglichsten Situationen vor sich hersummt, macht „YPSILON“ zu einem Album, das man immer und immer wieder hören möchte. So ein Album, bei dessen Aufzählung an Lieblingstracks man mindestens eine volle Hand braucht.

Da wäre „Abendland„, ein ganz schönes Brett für die erste Songauskopplung. Sie trägt das gesellschaftliche Thema aus den vergangenen Jahren weiter, doch nicht so wütend, sondern besorgt. Oder das Mädness-Feature „Nie So„, ein Song letzteren Types, ein Ohrwurm zum laut mitsingen.

Wenn wir schon von Features sprechen, wäre da noch „Eine Kugel„. Hier kommt nicht nur Audio88 zu Wort, sondern auch noch Casper. In Alter Manier ein gesellschaftskritisches Thema, das Trio in herrlich explosiver Harmonie. Bei Bekanntgabe der Tracklist hätte man denken können, dabei handle es sich um das unschlagbare Highlight des Albums. Doch weit gefehlt. Ein starker Song, aber definitiv nicht der einzige.

An meine persönliche Pole Position hatte sich bereits Ende der letzten Woche ein anderer Song katapultiert: „Meteroriten„. Yassin und das tragische Ende einer Beziehung, begleitet von Klavier und einem fast schon epischen Beat. Irgendwo zwischen Gänsehaut und Kloß im Hals, mitten ins Herz. Zuletzt „Panzerglas„, ein ganz ungewöhnliches Lied über Emotionen und gerade deshalb ein großer Favorit: „Nur Steuern und Tod sind so sicher wie ich neben dir„.

Und als wäre das Album in seinem Ganzen nicht schon eine deutliche Ansage, fasst Schluss- und Titeltrack „Ypsilon“ Yassins Plan in der letzten Zeile noch einmal treffender zusammen, als man es sich selbst hätte ausdenken können:

„Fick das Ende, ich fang gerade erst an!“



YASSIN live

26.03.2019 München, Strom
27.03.2019 Stuttgart, Schräglage
28.03.2019 Frankfurt am Main, Zoom
29.03.2019 Berlin, Musik & Frieden
30.03.2019 Leipzig, Naumanns
31.03.2019 Hamburg, Prinzenbar
02.04.2019 Köln, Yuca


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: V.Raeter