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YUNGBLUD in Köln: Die neue Stimme der Unverstandenen

YUNGBLUD in Köln: Die neue Stimme der Unverstandenen

Als YUNGBLUD im letzten Sommer sein Debüt „21st Century Liability“ veröffentlichte, geisterte seine Single „I Love You Will You Marry Me“ bereits monatelang als Ohrwurm durch meine Gedanken. Dominic Harrison, so heißt der britische Sänger eigentlich, ist gerade einmal 20 Jahre alt. Ein Newcomer des vergangenen Jahres, dessen Erfolgsgeschichte irgendwie erahnbar war, jedoch nicht in diesem Ausmaße. Der Künstler agiert heute nämlich längst nicht mehr nur als Ohrwurm-Lieferant, sondern gibt einer ganzen Generation ihre Stimme zurück. Das war am gestrigen Abend in Köln allgegenwärtig.


Ein Artikel von Anna Fliege – Hochverlegt in die Kölner Kantine und trotzdem viele Wochen vor dem Konzerttermin restlos ausverkauft. Der Eingang der Location zeugt von Fans, die bereits den ganzen Tag an diesem nasskalten Januartag mit Warten verbracht haben müssen. Einzig und allein, um gleich in der ersten Reihe zu stehen. Ganz nah am Geschehen, so nah wie möglich an der Bühne, für die kleine Chance auf einen kurzen Augenkontakt mit ihrem neuen Idol.

Ja, YUNGBLUD ist ein Idol geworden, ein Teenieschwarm. Davon zeugen das ohrenbetäubende Kreischen der ersten 15 Reihen und die verwirrten Väter in der letzten Reihe. Sie können nicht nachvollziehen, was ihre Töchter und Söhne an dem chaotischen, wild auf der Bühne herumspringenden Jungen finden. Viel zu weit weg von ihrer eigenen Welt ist das – und das ist vollkommen okay.

Dass hier keine halben Sachen gemacht werden, wird mit dem energiegeladenen „21st Century Liability“ als Opener schnell deutlich. Es wird gesprungen, überall. Ob der Sänger bei all dieser körperlichen Aktivität nicht außer Atem kommen würde, fragt man sich. Ja – aber das gibt dem Ganzen irgendwie noch mehr Charme und die euphorischen Fans leisten ihm so treuen Beistand, Zeile für Zeile, dass es gar nichts zur Sache tut. Energisch geht es in der Setlist weiter, gleich Track 2 ist „I Love You Will You Marry Me„, der erste von ganz vielen Gänsehautmomenten. Denn eben diese Textzeile im Refrain lässt der 20-Jährige im ersten Durchlauf zuerst nur die anwesenden Gäste singen – wow.

Doch erst wenig später, bei dem Song „Anarchist„, den ich als meinen Lieblingssong von YUNGBLUD betiteln würde, wird mir vollkommen bewusst, worum es hier geht:

„They don’t know where I am, I don’t know where I am“

Zeilen, die ich mit Mitte 20 ohne groß Nachzudenken mitsinge, spricht genau das aus, was viele der Anwesenden gerade durchmacht. Die Plan- und Ziellosigkeit der Jugend, das Unverständnis der Eltern und Lehrer, der ständige Zwiespalt mit sich selbst. In seinen Songs thematisiert er Dinge wie Mental Health, ADHS und die Rolle als Außenseiter.

Dominic Harrison spricht mit seinen Songs aus, was viele seiner Fans nicht in Worte fassen können. Gibt den Unverstandenen das Verständnis, nach denen sie sich sehnen. Zeigt, dass es okay ist, noch nicht alles zu wissen – über sich und die Welt. Vermutlich, nein, sehr wahrscheinlich hätte ich vor 8-9 Jahren auch dort vorne gestanden, mich an einem grauen Montagabend heiser-gekreischt und Wort für Wort aus tiefster Seele mitgesungen.

Mit seiner Punk-Attitüde, dem schrillen Outfit und seinem gesamten Auftreten zeigt YUNGBLUD stolz und deutlich: 0815 muss nicht sein. Mit Ecken und Kanten, einer ordentlichen Portion Rebellion gegen den Standard und Verkniffenheit der Erwachsenenwelt lässt es sich bestens leben. So wird er, heute Abend nochmals live und in Farbe, zum wunderbaren Vorbild für seine jungen Fans. Probleme aussprechen, statt sie zu verschweigen. Über ernste Themen sprechen – aber mit einer längst nicht in der Normalität angekommenen Leichtigkeit. Doch man ist auf einem guten Weg.

Der einzige Wehrmutstropfen am heutigen Abend ist vermutlich allein die Location und ihre Organisation. Alle Gäste werden ausdrücklich gebeten, ihre Jacken und Taschen an der Garderobe abzugeben – sonst gibt es keinen Durchgang zur Bühne. Dies führt zum einen zu einer ewigen Schlange am Eingang, wodurch rund die Hälfte der Kartenbesitzer den Support BLED WHITE größtenteils verpasst. Zum anderen zu Unmut an der Garderobe selbst, wenn für jedes Teil 2€ verlangt werden. Gerade die jüngeren Besucher, die ihr Taschengeld für Ticket und vielleicht auch ein Shirt am Merchandisestand eingeplant haben, ein kleines Tief, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Auf Nachfrage wird auf den „ausdrücklichen Wunsch des Veranstalters“ verwiesen, die Erklärung ist halbherzig, aber naja. Eine kleine Info vorab wäre für die Besucher sicherlich nett gewesen – besonders, wenn man ohne Kleingeld zum Konzert kommt.

Nach Ende des YUNGBLUD-Sets ist diese Lappalie jedoch so gut wie vergessen. Zu gut war das Konzert, zu viel Spaß hat es gemacht.


UNSER WORTWECHSEL MIT YUNGBLUD

UNSERE REVIEW ZU „21ST CENTURY LIABILITY“



„21st Century Liability“-Tour
15.01.19 Hamburg, Uebel und Gefährlich
21.01.19 Berlin, Lido
27.01.19 München, Ampere


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Jessie English

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