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Yves Tumor & „Heaven To A Tortured Mind“: Art Pop bester Klasse

Yves Tumor & „Heaven To A Tortured Mind“: Art Pop bester Klasse

Wir haben es geschafft: der gefühlt unendlich lange März ist vorbei. Die Welt steht momentan still, wir sind in Schockstarre. Unser Leben wird limitiert durch Grenzen, Kontrollen, Verboten. Die Einschränkungen sind nötig, um möglichst viele Menschen vor dem kursierenden Virus zu schützen, trotzdem wird gerade deutlich, wie lähmend all diese Maßnahmen wirken. Doch mit perfektem Timing öffnet uns Yves Tumor jetzt mal wieder die Tür zur Unterwelt, um aus diesem Chaos zu flüchten.


Ein Artikel von Maren Schüller – Durch die aktuelle Krise sind wir gezwungen, unser Leben auf unbestimmte Zeit von zuhause aus zu organisieren. Der Esstisch wird zum Arbeitsplatz, das Meeting zur Skype-Konferenz, der Fitnessstudio-Besuch zum YouTube-Workout. Alles schön und gut. Doch was passiert nach Feierabend? Wer sonst seine freie Zeit mit Kino und Konzerten füllt, verkümmert momentan unausgeglichen auf der Couch, voller Sehnsucht nach dem erfüllenden Gemeinschaftsgefühl von Kulturveranstaltungen. Stattdessen ächzen wir nach Entertainment und lassen uns stundenlang von leicht verträglichen YouTube-Videos berieseln.

Gerade für die Musikbranche ist es mit Tour-Absagen und Schwierigkeiten bei Marketing- und Promotionterminen eine harte Zeit und deshalb umso wichtiger, Künstler in diesem Moment zu unterstützen. Zum Glück ändert sich zumindest eines nicht: freitags dürfen wir neue Musik hören. Und an diesem ersten April-Freitag, der so herrlich-herzzerreißend nach Frühling und Aufbruch ruft, kommen wir endlich in den Genuss von etwas ganz besonders wichtigem: „Heaven To A Tortured Mind“(via Warp / Rough Trade), dem neuen Album von Yves Tumor.

Bereits der Titel von Tumors viertem Album passt momentan wie die Faust aufs Auge und wirkt wie ein rettender Leuchtturm auf den zuhause sitzenden, vor Ödnis gequälten Geist. Der Opener „Gospel For A New Century“ wurde bereits Mitte Februar veröffentlicht, beginnt ohne Umschweife mit großem Bläser-Arrangement, starken Beats und glasklarer Botschaft, Tumor rechnet ab und erlaubt uns im dazugehörigen Musikvideo einen Blick in eine Unterwelt, über die er zweifelsohne herrscht.

Nach zwei gewohnt aufwühlenden, noise-igen Songs, wie man sie von Yves Tumor kennt, kommt die zweite Single-Auskopplung „Kerosene!“ mit einer ungewöhnlichen Ruhe daher, die ab und an von reißenden, selbstbewussten Gitarrenriffs bereichert wird. Der anfangs R’n’B-lastige Song bekommt dadurch einen träumerischen Indierock-Touch verliehen. Im Duett mit Diana Gordon bringt Yves Tumor einen klassischen Lovesong auf „Heaven To A Tortured Mind“, der jedoch um einiges stimulierender ist, als die üblichen 0815-Abhandlungen von verführerischen Begegnungen.

Illusion und Evolution

Yves Tumor inszeniert sich selbst als Experiment, als Mysterium und Exzess und ist ein harter Gegner von Grenzen und Einschränkungen, egal ob es um Persönlichkeitsentfaltung oder Musikgestaltung geht. Während das 2018 erschienene Album „Safe In The Hands Of Love“ in großen Teilen sehr elektronisch und aufgekratzt geprägt war und sich als schleierhafter Soundkosmos erstreckte, finden sich auf „Heaven To A Tortured Mind“, Tumors zweiter Veröffentlichung auf dem hippen britischen WARP Label, mehr Schlusspunkte zwischen den Songs. Mit der dritten Single-Auskopplung bricht Tumor jedoch weiterhin mit den Konventionen. Die zwei Songs „Romanticist“ und „Dream Palette“ funktionieren zusammenhängend, bauen aufeinander auf. Lenny Kravitz-Vibes treffen auf ein Feature mit Kelsey Lu, das an Sinnlichkeit kaum zu übertreffen ist. Dann: Explosion, Wirrnis, Umbruch. Die besungene Beziehung erhebt sich im zweiten Teil mit Julia Cumming auf ein neues Level, zum Vorschein kommt die ganze Palette an Gefühlswirrwarr, Aufregung, Risiko, Intensität.
 

Girl, you got me hypnotized
I wanna give you every piece of me
You know you are my everything
I wanna dance into your hurricane“

See Also

Floating through what feels like
A declaration of love
Our hearts are in danger
Tell me, is this fundamental love?“

 
Mal wird gesungen, mal geschrien, mal mit Kopfstimme gesäuselt oder mit gedämpfter Stimme erzählt. Manchmal, bei „Asteroid Blues“ wird die eigene Stimme auch mal komplett ausgelassen und trotzdem entsteht ein in sich völlig schlüssiger Song, den man überhaupt nicht hinterfragt. Nichts klingt gleich, und trotzdem klingt alles nach Yves Tumor.

Heaven To A Tortured Mind“ ist eine willkommene Fluchtmöglichkeit aus den eigenen vier Wänden. Der Ausflug in die musikalische Welt von Yves Tumor zeigt uns die Vielfalt, die in der Poplandschaft seit vielen Jahren vermisst wird. Das neue Werk ist der Beweis dafür, dass Grenzenlosigkeit zu Bereicherung führt, und gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass unangepassten, eigenwilligen Künstler*innen wie Yves Tumor mehr Chancen gegeben werden sollten. Gerade in Krisenzeiten profitieren wir alle von reichhaltiger, intelligenter und ehrlicher Musik.


Foto: Jordan Hemingway

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