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Zugezogen Maskulin & „10 Jahre Abfuck“: Man muss kein Arschloch werden

Zugezogen Maskulin & „10 Jahre Abfuck“: Man muss kein Arschloch werden

Deutschraps OTP droppt am heißesten Wochenende des Jahres die etwas andere Jubiläumsplatte. Auf „10 Jahre Abfuck“ nehmen uns Zugezogen Maskulin uns mit auf eine Zeitreise und bleiben dabei gewohnt (selbst-)kritisch.

Testo und Grim104, Grim104 und Testo, Zugezogen Maskulin. Wer als Deutschrap-Fan ZM nicht zelebriert, der weiß das Genre nicht zu schätzen. Steile These? Nö.

Testo verlässt Ende der Nuller-Jahre die norddeutsche Idylle, um sich in Berlin seiner Leidenschaft Deutschrap hinzugeben, und trifft dort während eines Praktikums bei Rap.de Grim104, der aus der brandenburgischen Tristesse floh und die Liebe zum Sprechgesang teilt.

Tief in ihrem Herzen wollen beide aber keine Fragensteller sein, die Fragen lieber beantworten. Raus aus der Passivität, rein in die Manege des Rap-Zirkus. In einem Laden voller Clowns und Tanzbären sind die beiden Außenseiter, kritisieren lieber die Gesellschaft als die Mutter ihres Erzfeindes, verstecken sich weder hinter Masken noch falschen Images.

Sie beginnen 2010 mit Gratistracks, 2013 unterschreiben sie beim legendären Hamburger Indie-Label Buback und Grim veröffentlicht seine erste Solo-EP. In der Szene machen sie sich schnell einen Namen.

Im Herbst 2014 klettern sie über diese Szenemauern, supporten sie Kraftklub auf Klub-Tour und lassen so manche Besucher irritiert zurück – auch mich. Doch schon bald werde ich bekehrt, feiere die erste ganz offizielle Single „Alles brennt„, fühle „Ihr seid keine Fans, wir sind deine Gang“ sehr. Anfang 2015 erscheint das gleichnamige Debütalbum, mit dem sie im selben Jahr sogar bei Rock am Ring aufkreuzen.

2017 folgt mit „Alle gegen Alle“ Album Nummer 2, die ungewöhnliche Reise geht weiter. So weit, dass sich Testo und Grim zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls am Brandenburger Tor auf einer Bühne wiederfinden, die Übertragung läuft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ihre wohl berühmteste Zuschauerin vor Ort: Kanzlerin Angela Merkel.

Mit dieser Erinnerung beginnt „10 Jahre Abfuck„:

Auftritt, Brandenburger Tor, ausgebuht aber gut bezahlt
Fühlt sich geil an, zensiert auf Stream, wir sind so weit gekomm’n

Zwischen zutiefst persönlichen Anekdoten und scharfsinnigen Beobachtungen der Anderen, beschäftigt sich „10 Jahre Abfuck“ mit dem Leben in den Zwängen des erfolgversprechenden Genres.

Wie bleibt man im Rap-Game eigentlich bodenständig, wenn Playlist-Platzierungen die neue Währung sind und die Rolex-Uhren der 18-Jährigen längst iced out sind? Gibt man nach („Fans„) oder bleibt man Zweifler („Dunkle Grafen„)? Ist „Der Erfolg“ wirklich die Ausrede für fragwürdiges Verhalten, geblendet von Kapitalismus und Konsumwichserei?

Und wie nervig ist es eigentlich, wenn der Durchschnitts-Dulli die ZM’sche Schreibkunst nicht versteht und jede Line auf die Goldwaage legt? Ist ja schon gut, Zugezogen Maskulin machen da einfach einen Song zu. Die beiden sagen zu „Es war nicht alles schlecht„: „Aufgrund des Überhanges von Wut und Kritik in unserer Musik werden wir häufig als Menschenhasser missverstanden. Dieser Song bemüht sich um eine Abrundung dieses Bildes und betrauert angesichts der vielfach beschworenen Selbstauslöschung, zur Abwechslung einmal die guten Seiten der Menschheit.“

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Es bedarf schon ein Mindestmaß an Intellekt, um zu kombinieren und kapieren, dass Songtexte nicht immer aus der eigenen Sicht der Künstler*innen geschrieben wurde. Aber das hat schon bei K.I.Z nie funktioniert. Und hier eine geniale Überleitung: Für’s „Normiefest“ kommt überraschend Nico K.I.Z vorbei.

Die altbekannt-geilen Silkersoft-Beats, zu denen sich schon im heimischen Wohnzimmer aus dem Nichts eskalative Moshpits bilden, trifft für ZM erstmals auf die vorzügliche Produktion von Ahzumjot, der es sich nicht nehmen lässt, hier („Echte Männer Freestyle„) und dort („Fans“) selbst zum Mirko zu greifen.

10 Jahre Abfuck“ ist vielleicht nicht so zugänglich wie seine Vorgänger (und vielleicht geht es ja auch nur mir persönlich so), brilliert aber wieder einmal mit intelligenten Texten, die weder Sexismus, CL 500s noch stumpfe „wie“-Vergleiche brauchen. Kritisch, ironisch, aufmerksam – braucht es noch mehr Attribute, um meine Anfangsthese zu belegen?

Zugezogen Maskulin sind eine Band, die in den letzten 10 Jahren häufig falsch verstanden und meilenweit unterschätzt wurde, parallel ziemlich vorzeigbare Erfolge feierte und trotzdem nicht zu Arschlöchern mutieren mussten.

Happy Birthday ZM, auf die nächsten Zehn und „Champagner für alle„!

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