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Im Wortwechsel mit MINE

Im Wortwechsel mit MINE

Mine hat das seltsame Jahr 2020 genutzt, eines der wohl besten deutschsprachigen Alben des Jahres zu schreiben. Im Interview spricht die Künstlerin mit Anna über „Hinüber“, Snobismus und wieso man auf keinen Fall so bleiben sollte, wie man ist.

Wie gehts dir? Wie hälst du die Welt grad aus?

Mine: Ach, ich denk gar nicht so viel drüber nach, konzentriere mich grad auf’s Musikmachen, damit hat man viel zu tun – as ist auch eigentlich ganz schön und bringt mich gut durch diese Zeit.

Du hattest im letzten Jahr zurecht kritisiert, dass Künstlerinnen für 1001 StayAtHome Sache angefragt wurden, es dabei aber immer um unbezahlte Arbeit ging. Hat sich das irgendwann verändert?

Mine: Hat irgendwann einfach nicht mehr stattgefunden. Am Anfang waren alle Leute arg motiviert, haben super viel gemacht…und dann hat der Hype abgenommen und ich werde auch gar nicht mehr angefragt. Während dieser Zeit wurde alles versucht zu digitalisieren. Irgendwann waren aber alle müde davon und hatten keine Lust mehr drauf. Deswegen hat sich das von selbst verflüchtigt.

Also gut, auch nicht gut. Es gab ja zwischendurch nochmal richtige Konzerte und jetzt ist wieder die Ungewissheit da.

Mine: Ich versuche wirklich gar nichts darüber nachzudenken, ich versuche mich immer abzulenken und denk halt von Tag zu Tag so „was machst du heute? Was kann ich planen?“, und ich denke jetzt nicht an die nächsten Konzerte tatsächlich. Weil es nichts bringt. Also ich werde mich natürlich immer versuchen so gut es geht verantwortungsbewusst an die Regeln zu halten. Und alles andere spielt erstmal keine Rolle so. Wenn Konzerte wieder gehen, freue ich mich. Aber ich rechne jetzt erstmal nicht damit.

Ne ich hab es auch aufgegeben, falsche Hoffnungen zu haben. Hast du ein Lockdown-Hobby?

Mine: Ich habe viel gepuzzelt. In der Hochphase des Puzzelns habe ich am Wochenende wirklich immer 10 Stunden am Stück da gesessen. Letztens habe ich Age of Empires wieder neu entdeckt und ganz viel gezockt. Das ist halt einfach auch ganz großer Spaß. Aber ich bin auch sau viel draußen und versuche auch regelmäßig einfach Sport zu machen. Manchmal fällt es mir schwer, mich zu motivieren.

Du hast zum Album gesagt „Ich habe also vielleicht mehr Arbeitszeit in dieses Album stecken können, als es normalerweise möglich gewesen wäre. Die Liebe zum Musikmachen und auch die Euphorie waren deshalb noch ein wenig krasser als sonst.“ – Mal abgesehen davon, dass durch dieses groß angekündigte New Normal eh viel anders wird – hast du für dich das Gefühl, dass das nachhaltig deine Produktionszeiten, -wege, etc. ändern wird?

Mine: Nee, also ich finde nicht, dass es positiver ist – es ist anders. Ich meine, normalerweise war es halt so, dass ich 4-5 Tage am Stück im Studio war und dann bin ich auf Konzerte gegangen und hab Songs gespielt, bin dann wieder zurück ins Studio. Jetzt war es so, dass, ich teilweise 2 Wochen am Stück im Studio war.

Man hat einen ganz anderen Flow gehabt, was mega war, aber es ist auch voll geil zwischendrin auf Konzerte zu gehen und andere Musiker*innen zu hören und dann davon wieder zu zehren und mit neuen Ideen zurückzukehren.

Es war auf eine andere Art und Weise cool und auch manchmal total ähnlich. Ich war da so hart drin, das war richtig, richtig krass und das hat auch viel Spaß gemacht. Das Jahr hat sich dadurch viel viel besser angefühlt, weil ich halt so viel im Studio war und das wirklich auch schön war und ich da die mit Leuten zusammen abhänge, die ich wirklich sehr gerne hab, das war schon cool.

Für mich bist du die Queen of Redewendungen zu geilen Song verarbeiten. Ich stell mir immer vor, wie du son dickes Buch zuhause hast, darin blätterst und mit Augen zu auf die nächste Redewendung zeigst, um da so schöne Wortspiele wie bei Elefant raus zu machen. Sowas macht mich richtig glücklich. Aber mal ernsthaft: wie läufts wirklich ab?

Mine: Ich mag Redewendungen sehr gerne und benutze die im Alltag total gern, vielleicht fließen sie deswegen auch so aus mir raus. Denn meistens denke ich mir beim Schreiben nicht „oh, das ist ein tolles Wort oder der Redewendung“, ich schreibe darüber eher über deren inhaltliche Idee und dann passt eine Redewendung sehr gut.

Aber lustig, dass du das sagt! Vor einem Album mache ich immer etwas Lyrisches, lese ich irgendwas oder ich nehme mir vor irgendwas zu machen, bevor ich dann so viel schreibe, um neue Türen zu finden, durch die ich gehen kann. Und dieses Mal habe ich vor dem Album alle Redewendungen und Sprichwörter rausgesucht, die ich im Internet gefunden habe, und nachgeguckt was sie bedeuten und sie herkommen. Hab da auch ganz viel eingebaut, zum Beispiel „Kreide fressen“. Ich mag sowas voll gern. Ich mag auch die deutsche Sprache voll gerne, weil da so viel drin ist, es so viele Vokabeln gibt und es macht Spaß, damit zu spielen.

Nach deinem Auftritt bei „Late Night Berlin“ gabs ein paar Leute, die das gar nicht cool fanden, weil du im „Mainstream“ angekommen bist und du hast dich dazu ja auch kurz bei Twitter geäußert. Ich wollt mit dir drüber sprechen, weil ichs überhaupt nicht checke. Wenn ich Künstlerinnen mag und sie von anfang an begleite, freu ich mich doch bei jeder Stufe, die sie erklimmen und zelebriere jede größere Aufmerksamkeit mit ihnen.

Mine: Naja, das Ding ist ja, Menschen, die Bock haben das zu kommentieren, haben nicht automatisch die Kompetenz – also in dem, was sie kommentieren. Mich erinnert es eher an so einen ärgerlichen Teenager, der gerne einen exklusive Musikgeschmack hätte und es nicht teilen will. Der das tut, weil es ihm ein gutes Gefühl gibt. Ich mein, wie egoisitisch kann man überhaupt sein, finde ich, dass man sagt:“Ich freue mich nicht, wenn derjenige, den ich gut finde, Erfolg hat“. Das ist ja allein schon so absurd. Da denke ich mir: Wow, das ist aber kurz gedacht. Ich fand das eher belustigend.

Ich verstehe nicht, wie man von heute auf morgen denken kann: Ne, das ist mir jetzt zu Mainstream, da bin ich raus.

Mine: Das ist eine ganz eigene Art von Snobismus. Es gibt einfach manche Leute, die wollen exquisit sein – egal wie. Wie gesagt, ich lache darüber nur. Das Geilste ist, wenn sie so absolut sprechen! Wenn sie quasi für andere reden. Bei dem Kommentar wars irgendwie: „Juse Ju und Fatoni würden kotzen“. Du kennst die doch überhaupt nicht?! Was ist das denn für eine Aussage.

Ich weiß aber glaub ich, was sie damit meinen. Es gibt Leute, die irgendwann gefühlt aufgeben und sich der Musikindustrie hingeben. Lassen sich dann einen Hit schreiben. Verändern ihre Musik, weil sie es nicht aushalten können, dass der Erfolg nicht so groß ist, wie sie sich das vorgestellt haben. Das gibt’s schon häufiger. Da bin ich dann manchmal auch enttäuscht. Das liegt dann aber eher am Inhaltlichen. Das man sagt „ich mach jetzt das, was ich früher scheiße fand, nur damit ich auch erfolgreich bin“. Find ich dann auch schade, hat aber nichts damit zu tun, ob etwas erfolgreich ist oder nicht, sondern eher der Move an sich ist ein bisschen schade.

Kenn ich auch zu gut. Aber da muss man dann auch einfach mal Differenzieren können. Ich höre deine neuen Tracks nicht und denke „Mine gibt sich auf“.

Mine: Ach, ich glaube es gibt schon Leute, die das so hören. Die sagen: das ist mir zu poppig oder whatever. Aber das ist ja auch okay. Jede*r Künstler*in verändert sich im Laufe der Zeit. Und ich kenne das auch – ich gehe einen Teil des Weges einer Künstler*in mit und dann gefällt es mir vielleicht irgendwann nicht mehr. Dann steige ich wieder aus. Und das ist auch völlig in Ordnung.

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Am Ende ist es aber auch meine Entscheidung, mich in diese Öffentlichkeit zu wagen. Das Menschen das scheiße finden, damit muss ich umgehen können. Das ist so und mich verletzt das nicht.

Ich finde, da passt dein Song „Bitte Bleib“ abschließend ziemlich gut. Ich möchte gar nicht bleiben, wie ich bin, das ist so eine seltsame Floskel.

Mine: Ja, obviously ist es ja immer so: keiner bleibt wie er ist. Also egal, ob du das willst oder nicht, du änderst dich durch das was dir passiert, durch die Zeit, durch die soziale gesellschaftliche Veränderung, kannst du die Veränderungen entweder mit bestimmen oder du lässt sie an dir begehen sozusagen und dann tut es deinem Charakter meistens nicht gut.

Wenn man da nicht aktiv mitmischt, sondern das einfach so geschehen lässt, dann ist man das erste Opfer von Populismus.

Absolut man sieht es ja immer wieder gerade.

Mine: Ja voll! Und ich wollte da voll lange einen Song schreiben, der heißt „Bleibt nicht wie du bist“ oder so, schon seit MoTrip und Larry den Song „Bleib wie du bist“ gemacht haben. Ich weiß noch, ich hab mich damals so aufgeregt darüber. Von wegen „lass die anderen sich verändern und bleib so wie du bist“. Und ich dachte mir: no, no, no, no! Das ist kein gutes Zeichen an die Jugend.

Gerade sich selbst reflektieren, sich zu analysieren, zu hecken, was man hat, was man nicht hat. Dass man die Möglichkeiten man hat und welche nicht und wie es anderen geht.

Ich möchte noch meine Lieblingsline von „Hinüber“ mit dir teilen! „„Du magst Scheiße, doch das is schon ok“ hat mich komplett abgeholt. Ich kann nicht mal genau sagen wieso, vielleicht weil ich das Wort „scheiße“ so gern mag und man das in der Musik viel zu selten nutzt.

Mine: Das freut mich sehr, find ich lustig, dass es deine Lieblingszeile ist. Das war der allererste Song, den habe ich sogar noch vor „Klebstoff“ geschrieben. Der Song hat eine ganz lange Reise hinter sich, der klang auch mal ganz anders, bin da jetzt ganz happy mit.

Je länger ich an diesem Musikding teilnehmen darf, desto mehr merke ich, wie das alles konzipiert ist. Ganz viele Sachen kann ich gar nicht mehr ernst nehmen. Aber ich denke mir: „Ist auch nicht schlimm, macht die Welt auch nicht zu einem schlechteren Ort“ – nachvollziehen kann ich es trotzdem nicht.

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