Eigentlich hatte sich für Christopher, Malte, Severin und Henning gar nicht viel verändert, schließlich haben sie immer vor vielen Menschen gespielt. Zuerst in den vollen Straßen der Kölner Innenstadt, dann in ausverkauften Klubs, die schnell zu den größten Konzerthallen des deutschsprachigen Raumes heranwuchsen. Auch in den Line-Ups jedes namenhaften Festivals spielten sie sich innerhalb weniger Zyklen von der Sonntagmittags-Band zum Headliner-Posten.

Wie gesagt, eigentlich. Tatsächlich sind AnnenMayKantereit in binnen kürzester Zeit zu einer der wichtigsten deutschen Bands geworden. Ausverkaufte Touren ohne Album, noch mehr ausverkaufte Touren mit dem Debüt „Alles Nix Konkretes“. Nun, zum Ende des Jahres 2018, gibt es endlich Nachschub. „Schlagschatten“ heißt der Nachfolger, der nicht nur viel verspricht, sondern auch viel schafft. Ihre kommende Tour ist bereits vor der Veröffentlichung so gut wie ausverkauft.

Anna traf sich Ende Oktober mit Schlagzeuger Severin Kantereit, um ausführlich über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Band zu sprechen.


Na, wie ist es, wieder in Köln zu sein? Ihr wart die letzten Wochen ja ganz schön viel unterwegs.

Severin: Irgendwie noch gar nicht richtig wieder hier, weil wir gerade erst aus Spanien zurück sind, aber wir sind alle entspannt. Die letzten zwei Tage hatten wir Promo-Marathon in Berlin, dennoch macht es riesigen Spaß darüber zu reden, was man die letzte Zeit gemacht hat. Und eben, weil es erst gerade passiert ist, kann man besonders gut und viel darüber sprechen.

Apropos viel unterwegs: ihr habt in den letzten paar Jahren wahnsinnig viele Konzerte und Festival-Gigs gespielt. Fällt man nach dieser Zeit eigentlich in eine Art Loch?

Severin: Klar. Diese Löcher sind sehr präsent. Man hat drei Festivals am Wochenende gespielt, kommt nach Hause, sitzt auf dem Balkon und kriegt nicht verarbeitet, was passiert ist und muss sich überlegen: was mach ich jetzt? Da findet glaub ich jeder seinen Weg.

Bei mir ist es dann oft einfach Musik machen, ob es stupides Spielen oder tatsächlich etwas Aufnehmen ist – gar nicht mal für die Band, sondern nur für mich. Gerade nach dem letzten Sommer, wo wir das letzte Festival glaub ich im September gespielt haben, Lollapalooza, also nochmal so’n Riesending zum Abschluss, haben wir alle erstmal Urlaub gemacht. Ich bin mit meinem Bus nach Spanien gefahren zum Surfen, hatte da ein kleines Häuschen, hab mein gesamtes Equipment mitgenommen, Musik gemacht und war am Meer.

Und bald geht’s ja schon wieder los. Viele eurer Konzerte im nächsten Jahr waren ausverkauft, bevor überhaupt der erste neue Song draußen war – das ist sicherlich ein großes Kompliment, aber setzt einen das nicht auch ein bisschen unter Druck?

Severin: Auf die Tour bezogen war es sehr positiv. Man merkt irgendwie, dass obwohl wir noch gar nichts rausgebracht oder angekündigt haben, da trotzdem so viele Leute sind, die unsere Musik hören wollen. Das hat uns voll die Energie gegeben für das Album. Der Erwartungsdruck darauf war plötzlich noch viel präsenter, positiv und negativ. Einerseits ist es schön zu wissen, dass da so viele Leute sind, die man mit dem, was man macht, erreicht. Anderseits denkt man aber auch permanent, dass es sehr viele Leute sind, die das hören und irgendetwas erwarten, was auch immer.

Ist der Druck denn nach Fertigstellung des Albums noch da?

Severin: Der ist immer irgendwie da. Nicht unbedingt Druck, aber eine Erwartungshaltung. Was von Außen erwartet wird, was man aber auch selbst erwartet. Letzterer ist erst einmal weg. Man macht das Album fertig und für mich ist da immer der wichtigste Moment, wenn es fertig gemischt ist, dass ich 100 Prozent zufrieden bin. Der Druck von Außen ist natürlich immer noch da, das wird ja jetzt erst richtig spannend. Die Songs kommen nach und nach raus, Leute geben Feedback, loben oder kritisieren einen.

Also, das neue Album. Für „Schlagschatten“ habt ihr mit Markus Ganter als Produzent zusammengearbeitet. Was war im Vergleich zu „Alles Nix Konkretes“ anders?

Severin: Für uns war ganz wichtig, dass wir irgendwas neu machen. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie, mit wem und was wir aufnehmen möchten und sind zu dem Entschluss gekommen, diesmal einen anderen Produzenten zu wählen. Moses Schneider ist der geilste Typ, wir haben ihm so viel zu verdanken! Das erste Album war komplett live aufgenommen und für dieses Album war er genau der Richtige.

Bei „Schlagschatten“ sollte das anders laufen. So kamen wir zu Markus Ganter. Er ist ein top Typ – dass man sich gut versteht stand bei uns an erster Stelle. Dass man zusammen abhängen kann und auch inhaltlich auf einer Wellenlänge ist. Und dazu kommt seine interessante Arbeitsweise, nämlich nicht alles komplett live zu spielen, sondern im Nachgang auch noch Elemente drüberzulegen und Sachen getrennt aufzunehmen.

Er hat unsere Idee verstanden: Wir fahren an einen Ort, an dem noch nie jemand Musik aufgenommen hat. Wo wir nicht wissen, ob es in diesem Raum überhaupt gut klingt. Ob dieses Dorf cool ist und die Nachbarn Stress machen. Da gab es so viele Variablen, dass wir richtig aufgeregt dorthin gefahren sind und Markus ebenso aufgeregt war.

Wir haben viel rumexperimentiert, jeder Song hat seine ganz eigene Entstehungsgeschichte. Markus war für alles offen und wir hatten eine riesige Spielwiese. Dieses frei und spontan sein war für uns alle super schön.

Der Albumprozess war ziemlich lang, oder? Zumindest hat man ja bei Social Media immer wieder mal wieder Eindrücke aus euerm Proberaum gesehen. Kannst du den Weg bis zum finalen Mix kurz wiedergeben?

Severin: Richtig konkret hat es Anfang diesen Jahres angefangen. Nach dem letzten Festival und einem kurzen Urlaub waren wir uns einig, dass wir neue Songs schreiben wollen. Und relativ schnell festgelegt, dass wir es noch 2018 veröffentlichen wollen, ohne konkret viel Material gehabt zu haben. Mit einer Deadline können wir am besten arbeiten, weil wir sowas oftmals brauchen, um fertig zu werden.

Dann sind wir zuerst nach Amerika geflogen um da in einem ganz neuen Umfeld Musik zu machen und uns auszuprobieren. Später waren wir einige Zeit im Proberaum, sind nach Tel Aviv geflogen, haben da zusammen Urlaub und Musik gemacht. In dieser Zeit haben wir festgestellt, dass es so interessant ist, neue Sachen zu erleben und die mit unserem Beruf zu verknüpfen, dass uns da die Idee kam, „Schlagschatten“ nicht in irgendeinem deutschen Studio aufzunehmen, sondern an einem völlig neuen Ort.

Damit haben wir dann langsam rumgesponnen. Zuerst kam uns die Idee, durch Südeuropa zu fahren und an jedem Ort ein Lied aufzunehmen. Dann hat unser Manager gemeint, dass wir das machen können, die Organisation aber anders unkomplizierter wäre. Schließlich sind wir zu dem Konzept gekommen, alles in einem Dorf aufzunehmen, auch alle Videos dort zu drehen und jede Menge Fotos zu machen.

Die erste Single „Marie“ kam raus, als das Album noch gar nicht fertig war. Der ganze Prozess war für uns intuitiv, aber auch super spontan, weil man für viele Entscheidungen gar keine Zeit zum Nachdenken hatte.

Ihr veröffentlicht gerade jede Woche einen neuen Song samt Video – das ist ein ziemlich ungewöhnliches Konzept, oder? Die meisten Bands ruhen sich auf 1-2 Singles bis zum Album aus. Woher kommt eure Entscheidung?

Severin: Wieder so ein Punkt, an dem wir uns überlegt haben, was wir anders machen wollen. Es gab mal die Idee, das Album komplett ohne Ankündigungen zu veröffentlichen, was aber eigentlich genau das Gegenteil von dem war, was wir mit dem Album ausdrücken wollen.

Die Songs sind teils sehr unterschiedlich und musikalisch komplett anders – das wollten wir gerne einzeln präsentieren und jedem Song eine eigene kleine Bühne geben. Und dann war klar: wir bringen einfach viel mehr Lieder raus als normal, bevor das Album erscheint, um diese Bandbreite auch präsentieren zu können. Da haben wir uns wochenlang die Köpfe über die Reihenfolge zerbrochen.

Das kann natürlich auch in die Hose gehen. Wenn man zu viel Preis gibt, dass die Leute dann kein Interesse mehr am Album haben, wenn es erscheint, weil sie denken „hab ich ja quasi schon alles gehört“.

Die Texte sind nochmal viel tiefgehender, ob nun gesellschaftlich wie in „Weiße Wand“ oder privat in „Sieben Jahre“. War das so der nächste Schritt, um über den eigenen Schatten zu springen?

Severin: Wenn man so ein Album angeht, sind Musik und Text oft stärker voneinander getrennt, als man vielleicht denkt. Musikalisch wollten wir uns so viel wie möglich ausprobieren, aber textlich saßen wir davor und haben uns gefragt, was für Themen wir eigentlich behandeln und nach Außen tragen wollen.

„Weiße Wand“ ist daraus entstanden, einfach mal neugierig zu sein. Wie weit können wir uns in eine solche Richtung bewegen, ohne den Zeigefinger zu erheben und sich unter so einen allgemeinen Begriff wie „AfD ist scheiße“ und „Nazis raus“ zu stellen – wofür wir nicht die Typen sind, das so einfach darzustellen. Deshalb sind wir nach uns gegangen, haben reflektiert, in was für einer privilegierten Situation wir uns eigentlich befinden und das zu hinterfragen. Wir wollten die Leute zum Denken anzuregen.

Auf der anderen Seite aber auch Themen, die uns rein emotional persönlich betreffen. Das ist am Ende viel Rumprobieren und schauen, mit was man sich selbst wohlfühlt. Es ist kein Prozess, der nur dieses Jahr stattfand, sondern ewig ist. Ob nun „Hinter klugen Sätzen“, wo Henning sich sehr mit sich selbst befasst hat. Oder „Sieben Jahre“, bei dem ich mit Henning zusammen den Text geschrieben habe. Weil es um ein Thema geht, woran wir beide arbeiten den Bereich in unsere Musik reinbringen wollten.

Dieser Bereich, Verlust und Tod, war immer da. Die Herausforderung sit, für einen Bereich, den noch nie jemand von außen so mitbekommen hat, der aber schon lange existiert, eine schöne Art und Weise zu finden, das Thema zu verpacken.

Es war erst der Text, der da war. Den wir zusammen geschrieben haben, weil wir beide jahrelang über dieses Thema in unseren Notizbüchern geschrieben und dies schließlich zusammengeführt haben. Die Musik kam in Spanien dazu, als ich den Song produziert und nur über das iPhone aufgenommen habe. Das hatte für mich eine viel persönlichere, intimere Wirkung.

Die vorletzte Frage ist meinem tagelangen Ohrwurm geschuldet: Mit „Jenny Jenny“ habt ihr anscheinend einen Song über eine Flugbegleiterin gemacht. Wie kommts denn dazu?

Severin: Yes! Das war tatsächlich, mal wieder, was ganz anderes. Es ging um das Thema hilflos rumzureisen – was auch ja Parallelen zu unserem Leben gerade hat – und dann gibt es dort dieses „Panama“. Der Sehnsuchtsort, der einerseits durch die Panama Papers ein bisschen in Verruf geraten ist. Andererseits durch diese Janosch-Geschichte ein Ort ist, zu dem sie hinwollen und im Endeffekt einmal um die Welt fahren, schließlich wieder Zuhause ankommen und dort ihr Panama finden.

Die Entstehung war ganz banal. Ich saß mit Henning rum und habe vorgeschlagen, dass wir ja über eine Stewardess schreiben könnten. Und er meinte, dass das schon weird sei, aber wir es trotzdem mal probieren. Musikalisch sollte es ein eine fröhlich-belanglose Richtung gehen. Oh und das Video dazu wird sehr besonders! Da haben wir uns was sehr Witziges einfallen lassen.

Die letzte, sicherlich offensichtliche Frage: Was passiert 2019?

Severin: Touren. Ende Januar geht es los, und das wird glaub ich sehr neu für uns. Auf einmal ganz viele neue Lieder zu spielen, sonst ist ja in der Vergangenheit eigentlich immer nur ein bisschen dazugekommen. Da überlegen wir natürlich schon, wie wir das umsetzen wollen und auch in großen Hallen eine persönliche Atmosphäre beibehalten zu können. Danach kommen irgendwann wieder die Festivals, also jedes Wochenende unterwegs sein.

Und dann wissen wir noch nicht. Ist tatsächlich auch so gut wie das erste Mal in den letzten Jahren, dass wir nicht wissen, ob wir nochmal eine Tour machen oder mal ein Jahr jeder seine Musik macht. Weil wir so viel aufeinander hängen, muss irgendwann auch mal die Phase kommen, in der man getrennte Sachen macht, um sich wieder etwas erzählen zu können, wenn man sich trifft. Ob das nun ein Monat Urlaub ist oder ein halbes Jahr was ganz anderes. Ist eigentlich ganz schön, dass man das noch nicht weiß.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Martin Lamberty