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ALL EYES ON: Fred again..

ALL EYES ON: Fred again..

Er ist das, was Boomer gerne einen „Tausendsassa“ nennen. Anna hat sich für THE MELLOW MUSIC mit dem Produzenten und Künstler Fred again.. über seine Arbeit, seine Herangehensweisen sowie die Gefühle auf seinem Debütalbum „Actual Life (April 14 – December 17 2020)“ unterhalten.

Wer ist Fred again..? Der Londoner Fred Gibson hat uns in seinen Zwanzigern schon den ein oder anderen Ohrwurm beschert – ohne, dass wir davon wussten. Ob große Popsongs (George Ezras #1-Single „Shotgun“ & BTSMake It Right“), Ed Sheerans Grammy-nominiertes Charttopper-Album „No.6 Collaborations Project“ (mit insgesamt drei Nummer 1-Hits), dem Soloprojekt von The xx-Frontfrau Romy Madley Croft oder Englands heißeste Rap-Stars (Stormzy, Headie One), als Produzent und Songwriter ist Fred in so ziemlich jeden meiner Lieblingssongs der letzten Jahre involviert.

2019 verbringen Songs, an denen er beteiligt ist, insgesamt 14 Wochen auf Platz 1 der britischen Charts. Anfang 2020 gewinnt er den BRIT Award für „Producer of the Year“. Im April des gleichen Jahres erscheint „GANG“, das gemeinsame Mixtape von Fred again.. & Drill-Rapper Headie One, darauf zu finden hochkarätige Features mit Jamie xx, Sampha und FKA twigs. Aus dem „Judge Me“-Interlude mit FKA twigs wird Anfang 2021 der vollendete Song „Don’t Judge Me“ – und so eine der besten Singles des Jahres.

Er ist ohne Frage einer der aufregendsten Kreativen der gegenwärtigen Musikwelt. Und hat dabei eine sehr nahbare Herangehensweise an seine Projekte. Dem THE FACE Magazine erzählt er, dass er Fan jedes Artists sei, mit dem er ins Studio geht – und daher wüsste, was andere Fans gerne hören würden. Ich als bekennender Stormzy-Superfan nutze den Beginn unseres Gespräches, um nachzufragen, wie dieses Wissen und die eigene Leidenschaft seine Arbeit (darunter Stormzys preisgekröntes Album „Heavy Is The Head“) beeinflussen.

Fred again..: You’re fueled by passion for the thing that they’ve created and how you can add to that. It’s amazing how the artists obviously can’t bird’s eye view themselves, so that is often the role when I’m making music. In that kind of way, I think one of the most valuable things you can bring is a perspective of being outside of the body, of the thing. I generally start with thinking „what emotion do you want to feel from this person when you put in your earbuds and hit play for the first time“?

Ich liebe meine handvoll Lieblingsartists, aber hin und wieder sehne ich mich nach mehr. Dann, wenn keine kommenden Releases anstehen, man die letzten Tracks schon hunderte Male hat laufen lassen. In mitten einer solchen Sehnsuchtswelle, verschlimmert durch den nicht enden wollenden Lockdown, fand ich zu Freds Musik. Mit dem Feingefühl von Justin Vernon, der Emotion von James Blake und der genialen Rastlosigkeit eines Jamie xx bildet die Musik von Fred again.. auf eine ganz eigene Weise die perfekte Schnittstelle meines musikalischen Herzens.

Da ist es fast schon ironisch, dass der erste Track, den ich höre, „Kyle (I Found You)“ ist. „In this smoking chaos, our shoulder blades kissed – I found you“. Mir ist jedes Mal nach Weinen, wenn das Lied beginnt, es ist einfach so schön, so berührend.

Fred: It comes from a poem he was reading, where he uses this kind of metaphor of a warzone for meeting someone in that dynamic. He paints a scene and it’s just like chaos for them, like they’re running through a Mission Impossible scenery. It’s a beautiful way of describing it…that is so how that feeling feels. I feel very much indebted to Kyle.

Es ist einer der Songs auf dem ersten Fred again..-Album, das Mitte April diesen Jahres erschien: „Actual Life (April 14 – December 17 2020)“. Der Grundbaustein seiner Songs sind kleine Snippets – aus der eigenen Camera Roll, Konzertaufnahmen in Instagram Stories, zufällige YouTube-Funde. Für sich allein oft ordinäre Momente, die Fred in neue Kunstwerke verwandelt, ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Als ich in unserem Gespräch dafür nach Worten suche, sage ich: „You worship the sentimentality of moments“.

Fred: Yes, attention is definitely the currency. When I first started making the things out of the snippets of stuff from the world, I loved the feeling of trying to, as you’re saying, really glorify these seemingly mundane things because they are glorious. I really liked the feeling of trying to absolutely inflate these like tiny bits to look like beautiful, glorious things.

Während alles nachhaltiger und wiederverwendbarer werden soll, scheinen Dinge wie Gefühle, Worte, Kunst immer ersetzbarer. Noch ein Zoom-Meeting, übervolle Release-Tage, ein permanenter Overload an allem. Als ich diesen Wertverlust auf unsere Gegenwart schiebe, lenkt er ein und sagt:

I don’t know if that’s actually a thing of our time. If we go back 20, 30, 50 or whatever 100 years, I don’t think that those moments were treated differently. I think human nature means we’re always very prone to just letting things go. Obviously we don’t have hindsight on the current times in which we live, but I think it’s a constant problem of humanity. The struggle to be present and share, I don’t think we’re any worse at that now then we were 20 years ago, some people would say we are but I personally don’t buy it.

I’m not personally worried about feeling like I’ll be come detached from the reality that I’m trying to sample

When do you know a bit is song-worthy?

FredLargely all the tunes just come from moments I catch on, then go through afterwards and be like „oh my gosh this is great“. Usually in the moment I’m quite there. And there might come a time where I’ll be thinking „oh my god I have to sample that“, I’m not personally worried about feeling like I’ll be come detached from the reality that I’m trying to sample. I just think that’s fine because that’s also authentic.

So you collect a lot of things, look through them from time to time and see if something is catching your attention? Impulsively?

Fred: Yeah, I have 1000s of files and things with just chords behind them. And then you just see. Sometimes things quite quickly go like „okay now this is becoming something bigger than itself“, and sometimes they don’t. So I like to throw paint, as it were, add lots and lots of things and just see what becomes bigger than I would have expected.

Das Hören von „Actual Life (April 14 – December 17 2020)“ ist eine Reise, eine emotionale Achterbahn. Hier treffen große Gefühle auf kleine Momente und elektronische Musik, die das Herz höherschlagen lässt. Kurz vor dem Ende des Albums, zwischen dem emotionalen „Angie (I’ve Been Lost)„, in dem Fred den Song „Pasta“ der australischen Singer-Songwriterin Angie McMahon aufgreift und dem vielleicht besten Dance-Track des Jahres, „Marea (We’ve Lost Dancing„, der Marea Stamber aka DJ The Blessed Madonna so poetisch und emotional über die Auswirkungen von Covid-19 sprechen lässt und durch Fred again.. in einen denkwürdigen, epochalen Track verwandelt wird – da stecken noch 21 Sekunden Skit.

Nie zuvor hat mich ein Skit zum Weinen gebracht, aber „December 17th 2020“ schafft es, ganz unerwartet. Es rauscht, Fred ringt nach Worten und lacht, „it feels like“ wiederholt er mehrfach, bevor er den Beginn eines Liedes anstimmt. Es ist Bon Ivers22 (OVER S∞∞N)„: It might be over soon…

FredWhat is most obviously lovely about this sentence „it might be over soon“, is that it leaves up to you to decide whether it’s a positive thing, something negative or more likely a combination of the two. 

Ein Song, der mir die Welt bedeutet. Mich an das letzte große Festival und das so prägende Konzert erinnert, bevor sich die Welt so drastisch veränderte. Ein Lied, das auf Fred sehr am Herzen liegt, das uns sehr persönlich werden lässt. Ich erzähle ihm von meinem Sommer, er mir von einem regnerischen Abend in Mexiko, an dem er eine Beziehung beendet und allein am Strand das erste Mal in Bon Ivers Album „22, A Million“ reinhört, nachdem er sich jahrelang davor gedrückt hatte.

Fred: „I was like „what are you going to tell me?“ because for me, Bon Iver is how I’ve learned what I feel about things in myself, his music is a mirror […] I listened to it three times around, I just sat there and I was like, „wow, okay“ and since then is continues to be my compass.“

Songs wie „Marea (We Lost Dancing)“ und „Dermot (See Yourself In My Eyes)“ finden momentan ein großes Publikum, laufen zu Recht im Radio hoch und runter, poppen in allen guten Playlisten der Stunde auf, fassen international Fuß. Mit einer so beachtlichen Karriere, wie Fred Gibson sie bereits hat, steht er doch gerade erst am Anfang.

Mit seiner Liebe für die kleinen Momente, mit der Perfektion des Unperfekten, geht seine Musik direkt ins Herz. Gefühle und Emotionen, das sind Wörter, die in unserem Gespräch immer wieder fallen. Meinerseits, um auszudrücken, was seine Musik mit mir macht. Seinerseits, um zu erklären, was dahintersteckt. Nach Monaten der Taubheit, der Abgeschiedenheit und Selbstisolation ist die Musik von Fred again.. genau das Richtige, um einen Re-Start des Lebens hinzulegen. Man möchte tanzen, lachen und weinen, Menschen umarmen und sich verlieben. Als ich ihn zum Schluss frage, welche Gefühle sein Album jetzt in ihm auslösen, antwortet er:

I think I’ll know more in like a year when I’m seeing it with more hindsight. Now I feel like „wow, I can’t believe how hopeful I was.“ And then some of it feels like a good sort of line in the sand, like a metric of how things fell. It’s often psychologically healthy to keep a diary, because you can get your bearings easier on how things felt. I think it plays a similar role in that sense. That’s pretty much the intention.

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