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Wolf Alice & „Blue Weekend“: Unausgeglichenheit ist ihre größte Stärke

Wolf Alice & „Blue Weekend“: Unausgeglichenheit ist ihre größte Stärke

Englands wohl beste und gleichzeitig most underrated Rockband wickelt uns endlich wieder um den Finger.

Es ist das Release, auf das ich mich in diesem seltsamen Jahr am allermeisten gefreut habe, auf das ich über drei Jahre lang hingefiebert hatte. Nun liegt „Blue Weekend„, das dritte Album der Londoner Band Wolf Alice, endlich vor mir.

Und wenn man so lange auf etwas wartet, dann kommt plötzlich die Angst vor dem ersten Hören auf: Angst, enttäuscht zu werden (eine in diesem Fall extrem irrationale Angst). Aber auch Angst, nicht mehr die richtige Person für ein solches Album zu sein, rausgewachsen zu sein aus dem Weg der Band.

Doch meine Ängste werden sehr schnell über Bord geworfen. Wow. Wow wow wow. Schon oft schwärmte ich von Ellie Rowsells großen Talenten – ihre einzigartige, für mich so inspirierende Art des Songwritings. Dazu ihre mächtige, kräftige Stimme, über die allgemein viel zu wenig geschwärmt wird. Ihre Range hatte sie nie versteckt, weder auf dem Debütalbum „My Love Is Cool„, noch auf dem Mercury Prize-prämierten Nachfolger „Visions Of A Life„.

Aber „Blue Weekend“ explodiert förmlich.

Blue Weekend“ macht wahnsinnig viel Spaß. Die Wolf Alice-Welle holt mich mit einer Wucht schon im Opener „The Beach“ ein. Für die neue Platte hat sich die Band ganz oben auf den Zettel geschrieben, die majestätischsten Songs zu schreiben, die man sich vorstellen könnte. Mit anschwellenden Melodien, Ellies Stimme vervielfacht als Hintergrund-Chor. Zum großen Ende kommen mir erste Freudentränen.

Mit dem darauf folgenden Track übermannt mich das Album dann komplett. „Delicious Things“ ist stilistisch wie die unproblematische, tatsächliche coole Version einer Lana Del Rey. Bei der „Extravagance disguised as elegance is boring„-Stelle bekomme ich Gänsehaut. Die Dramatik des Songs ist genau das, wonach ich mich jahrelang gesehnt habe. In anderen Alben und Artists gesucht und nie gefunden habe.

Und genauso episch geht es weiter, wenn auch in ganz unterschiedlichen Facetten. „Lipstick on the Glass“ ist ein ins Echo gesungener Grungetrack, auf dem Ellies Kopfstimme ihren großen Moment zelebriert. Gefolgt von „Smile„, der Vorabsingle, von der ich nicht genug bekommen kann. Solltet ihr in eine „FrAuEn MaChEn HaLt KeInE rOcKmUsIk„-Diskussion rutschen (Rock am Ring-Line-Up sei Dank), sagt nichts – verschickt einfach nur diesen Track.

Wolf Alice wiegen uns in „Safe From Heartbreak (if you never fall in love)„, bringen Retrovibes mit „How Can I Make It OK“ auf das Album und reißen uns mit „Play the Greatest Hits“ aus jeglichen Träumen und von den Füßen. Genau für solche Momente verehre ich das Vierergespann so sehr. Gerade noch heimlich geweint, lässt man alle Gefühle durch Schreien und Springen zu einem Punktrack raus.

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Die Unausgeglichenheit ist ihre größte Stärke.

Feeling Myself“ ist ein erotischer Fiebertraum, „The Last Man On Earth“ der epische Durchatmer, bevor auch dieser Track irgendwann ausufert. „No Hard Feelings“ bringt kurz vor Ende eine untraurig-traugige Ballade zu Tage, bevor „The Beach II“ nach viel Trauer, Wut und aufgebrachten Emotionen mit einer zufriedenen Hoffnung ganz sanft abschließt: „Happy ever after / It’s OK“

Die Erwartungen waren groß, doch das Talent von Wolf Alice ist drei Mal größer. „Blue Weekend“ überzeugt professionell gesehen auf voller Linie, auf ganz emotionaler Fanebene könnte ich nicht glücklicher sein. Es gibt die Hochs und Tiefs, die zerreißenden, qualvollen Dreampop-Herzschmerzsongs, die fast unheimlichen Grunge-Tracks und die rockigen Eskalationsmomente, unkonventionell zusammengebracht, alles durchzogen durch ein emotionales Storytelling – die Mischung, die Wolf Alice so einzigartig machen.

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