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All Eyes On: PA SALIEU

All Eyes On: PA SALIEU

„I’m not a punchline artist, I’m a storyteller“ erzählt Pa Salieu dem i-D Magazine. Ein Satz, der UK Rap in seiner Entwicklung bestärkt. Anna hat sich für All Eyes On mit dem jungen Shootingstar beschäftigt und mit ihm gesprochen.

Rap aus Großbritannien hat mich schon immer fasziniert. Ein Sub-Genre, was scheinbar nach seinen eigenen Regeln spielt, sich von Trends aus Amerika und anderen europäischen Rap-Hochburgen wie Deutschland und Frankreich höchstens inspirieren, aber nie leiten lässt. Namen wie Dizzie Rascal, Skepta und The Streets sind längst in den internationalen Konsens eingeflossen, ziehen auf hiesigen Festivals die Massen an. Nachdem Stormzy als erster Schwarzer Brite 2019 das legendäre Glastonbury Festival headlined, scheinen die Möglichkeiten schier grenzenlos.

Anfang 2020 taucht ein neuer Name auf dem britischen Musikradar auf: Pa Salieu.

Zu dem Zeitpunkt macht er gerade erst ein paar Monate Musik. Den Song „Frontline“ schreibt er in 20 Minuten. Darin beschreibt er kein glamouröses Phantasieleben, sondern den knallharten Alltag. „They don’t know about the block life“ beginnt der Track. Denn anders als die meisten Aufstrebenden in der Szene wächst Pa Salieu nicht in einem Londoner Stadtteil auf. Gut zwei Autostunden ist Coventry von der englischen Hauptstadt entfernt. Eine Industriestadt in den West Midlands, 2017 zur gefährlichsten Stadt UKs ernannt.

Rund 14 Monate nach dem Release seines Durchbruch-Songs verzeichnet er knapp 4 Millionen YouTube-Aufrufe und über 5 Millionen Spotify-Streams. Er feiert vor wenigen Wochen sein US-Debüt in Jimmy Fallons „The Tonight Show“, ein Ritterschlag für jeden UK Rapper. BBC Radio 1 samt Musik-Guru Annie Mac ernennen ihn zum spannendsten Newcomer des Landes, verleihen ihm den „Sound of 2021“ Award.

Längst ist er bei Warner Music unter Vertrag, veröffentlichte im letzten November sein erstes Mixtape „Send Them to Coventry„.  Ein Titel, der nicht unbedingt eine Einladung in seine britische Heimat ist, sondern auf nächster Ebene auf eine Redeanwendung anspielt – auf Wikipedia finde ich folgende Erläuterung:“ ‚To send someone to Coventry‘ ist eine englische Redewendung, die bedeutet, jemanden absichtlich zu verstoßen. Typischerweise geschieht dies, indem man nicht mit ihnen spricht, ihre Gesellschaft meidet und so tut, als ob sie nicht mehr existieren. Die Opfer werden so behandelt, als ob sie völlig unsichtbar und unhörbar wären.“

Über den Kopf gewachsen ist Pa Salieu der bisherige Erfolg nicht. Als ich ihn in unserem Interview frage, wie 2020 für ihn war, so ein überraschender Durchbruch, antwortet er ganz ruhig: „Es war gut„. Dann ist es ein paar Sekunden still, bis er spürbar mehr Worte für seine eigene Einschätzung gefunden hat: „Es war wirklich gut. 2020 hat mir die Möglichkeit gegeben, mich selbst besser kennenzulernen. Es lief sehr gut für mich!

Und auch die typische „Biggie Poster an den Wänden„-Story hat er nicht zu erzählen. Stevie Wonder habe er zum Beispiel gehört, aber es gab damals nie den Traum, selbst einmal Musiker zu werden. Seine musikalischen Ursprünge sind anders. Er wird in Großbritannien geboren, wächst bei seiner Großmutter im westafrikanischen Gambia auf bis er 8 Jahre alt ist und nach England zurückkehrt. Seine Tante ist eine gambische Folk-Sängerin, sein musikalisches Verständnis eng damit verbunden:

Zu Hause bedeutet Musik deine Vergangenheit, deine Geschichte, deine Familie. Das ist das, was ich über Musik weiß.

Dass er im Rap gelandet ist, ist ein glücklicher Zufall. „Ich bin darüber gestolpert und habe mich darin verliebt„, erzählt er. „Ich habe mich darin verliebt, wie meine Stimme über Beats klingt, das war ein besonderes Gefühl„.

I got grind in my mind, I had it harder / Lower, minority, they can’t defeat me, yeah / All I know is labour, I can’t lack work / I’m another lost soul in the Wild West world

Man kann es ihm nicht verübeln. Denn auch mich zieht er in seinen Bann, wenn er beginnt zu rappen. Über Beats, die sich nicht vor den gambischen Wurzeln seiner Familie verschließen, sondern sie stolz zelebrieren. Eine kulturelle Vielfalt, tief in den Wurzeln der UK Rap-DNA steckt – in den für massentauglich befundenen Tracks in den letzten Jahren oft viel zu schnell verwässert wurden.

Doch „Send Them To Coventry“ und Pas Erfolg zeigen, dass das gar nicht nötig wäre, wie er erklärt: „Die Geschichten sind immer die gleichen, aber die Sounds der Tracks sind anders. Das ermöglicht Leuten aus verschiedenen Teilen der Welt, mit unterschiedlichen Genre-Vorlieben einen Zugang zu meiner Musik„.

Und auch, wenn ich ich ihn in die Schublade UK Rap stecke, er überall in der Kategorie „Rap“ auftaucht und auch sein Label ihn so betitelt, hat Pa Salieu selbst eine progressivere Sicht auf die Musik, in der er sich gerade herumtreibt. Ruhig, aber sehr bewusst über das, was er sagt, erzählt er mir:

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Musik ist eine universelle Sprache. Ich mache keinen Rap. Ich bin kein Rapper. Ich bin kein Hip Hop. Bei all diesen Genres werden die Leute verrückt. Ich bin nicht all das. Ich habe kein Genre. Ich kann machen, was ich will. Meine Stimme ist mein Instrument. Es gibt keine Limits.

Worte, mit denen ich die Straßen zukleistern möchte. Ein Verständnis für sich selbst und die Musik, weit weg von den langweilig gewordenen Twitter-Beefs, bei denen reiche, erwachsene Leute wie Kindergartenkinder darüber streiten, wer jetzt Grime genug ist oder wer nicht genug Drill mitbringt, um sich dem Sub-Genre anzuerkennen. Darauf hat Pa Salieu überhaupt keine Lust. Diese Art von Social Media sei nicht sein Ding, lacht er, das würde seine Energie an der falschen Stelle vergeuden.

Stattdessen möchte er sich darauf konzentrieren, seinen Geschichten und denen seiner Community Gehör zu verschaffen. Er möchte eine Stimme für diejenigen sein, die selbst keine haben. Und durch den Bau von Musikstudios in Conventry denjenigen eine Möglichkeit verschaffen, die bisher ihre Stimme nicht nutzen konnten.

Das sei für ihn die einzige Option, sagt er bestimmt, „wir brauchen mehr Stimmen, die daher kommen, wo ich herkomme„. Und auch in Gambia baut er gerade ein mobiles Studio. Er habe eine Menge Ziele für die Zukunft und Musik spiele eine große Rolle darin. Doch was ihn von vielen mit solchen Zielen unterscheidet, ist Pas Sinn für Gemeinschaft.

Denn so wie festgeschnürrte Genres galt London lange als das Epizentrum, als Inbegriff von britischem Sprechgesang. Doch Pa Salieu sieht Möglichkeiten und Potential aus einer anderen Sicht: „Wo ich lebe und was ich sehe, das ist meine Musik. Das bin ich. Was auch immer das für Gefühle sind„.

Er ist wahrhaftig ein Geschichtenerzähler. Ein junger, eindrucksvoller Künstler. Jemand mit dem Herz am richtigen Fleck, der zu dir sagt: Music is poetry, man! 

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