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ALL EYES ON: Soeckers

ALL EYES ON: Soeckers

Mit „Kopfkarusell“ haben Soeckers in der vergangenen Woche endlich ihr heißersehntes Debütalbum veröffentlicht. Wie das Quartett aus dem Münsterland die Indie-Szene aufmischt und wo das Album die ganze Zeit war, hat sich Anna mal genauer angeschaut.

Soeckers, das sind Johannes am Mikro, Nils an der Gitarre, sein Bruder Lars am Schlagzeug und Julian am Bass. Vier Jungs, die mehr oder weniger zufällig aufeinandertrafen und beschlossen, eine Band zu gründen. Geleitet von ihrer geteilten Liebe zu Classics wie den Beatles, Oasis und 00er-Helden a la The Strokes und The Libertines, lag es nahe, in welche musikalische Richtung es für die Band gehen würde.

Vor gut 2 1/2 Jahren begegnete ich Soeckers zufällig, als sie mit Wanda auf Tour waren. Mit meiner Schwäche für jegliche Art und Gitarren-Indie hatten sie mich natürlich sofort, doch wurde meine Euphorie schnell von der Tatsache gedämpft, dass es genau einen Song auf Spotify gab. Als dann ihr Name vor ein paar Monaten wieder aufpoppte, freute ich mich. Und dass das kein Einzelfall ist, bestätigt mir Johannes in unserem Gespräch, bevor ich von meiner Geschichte erzähle:

Wir spielen jedes Jahr um die 40-50 Konzerte. Seit 2017 verweisen wir bei all diesen Konzerten immer auf das Album, was irgendwann mal kommen wird. Also solltet ihr uns 2017 live gesehen und die Songs gehört haben, denkt ihr euch wahrscheinlich: „Ach diiiie! Die Jungs bringen jetzt die Songs raus, endlich!“

Doch wieso erscheint „Kopfkarussell“ eigentlich erst jetzt? Nun, einige Songs spielen Soeckers tatsächlich schon seit 2016 bei ihren Gigs. Es ist die Zeit, in der sie den Wanda-Produzenten Paul Gallister kennenlernen. Schnell ist man sich einig, gemeinsame Sache machen zu wollen. Aber wer selbst mal versucht hat, mit mehreren erwachsenen Menschen einen gemeinsamen Termin auszumachen, weiß, dass das gar nicht so einfach ist.

Fast forward zum Sommer 2018. Es ist ein heißer, wunderschöner Sommer in Wien. Soeckers besuchen Paul Gallister, der mittlerweile nicht nur Produzent, sondern auch guter Freund geworden ist, der die Band 3 1/2 Wochen in seinem Studio übernachten lässt. Man schätzt die professionelle Atmosphäre ebenso wie das Vertrauen und die Gespräche über Fußball beim Feierabendbier.

Das Album ist im Kasten. Fehlt nur noch ein Label. Klingt leider einfacher, als es ist. Und so, wie es Jules und Johannes beschreiben, könnte man Labelsuche glatt mit Dating gleichsetzen. Über einen Kaffee versteht man sich super, aber das bedeutet noch lange nicht, dass es langfristig ein perfect match ist. Jules erzählt, wie wichtig es für die junge Band war, eine „ehrliche Haut“ zu finden und wie daraus ein langwieriger Prozess werden kann.

Und dann, endlich, soll 2020 das große Soeckers-Jahr werden. Bis…na ihr wisst schon. War für uns alle nicht „unser“ Jahr. Und so wird aus einem Sommer-Album eben ein Album für den Herbstbeginn. Auf meine Frage, wie sich die beiden zum Release fühlen, ist ein Gefühl besonders präsent: Erleichterung.

Kopfkarussell“ also. Sie singen von den wilden Zwanzigern und den anderen wilden Part der Zwanziger, für den es keinen so saloppen Namen gibt. Jules fasst es aber folgendermaßen zusammen:

Es geht um Zerrissenheit. Es geht um das Karussell, was sich um Kopf dreht. Was will ich? Diese Fragen, die man sich in den Zwanzigern stellt, wenn man noch nicht ganz genau weiß, wo man sich einordnet.

Soeckers singen, wie es ihre Helden schon taten, natürlich von den Partynächten, geprägt von Spaß, Freunden und legalen Drogen. Doch beschreibt es Johannes mit ernsterem Ton als eine „Flucht“ vor dem, was Generationen vor uns vorleben und auf uns projizieren. Bloß raus aus den Erwartungshaltungen, wenn auch nur für ein Wochenende.

Aber dazwischen, das hört man hoffentlich auf dem Album, wenn es um Alkohol geht, dass es nicht immer gemeint ist nach dem Motto „das Leben ist immer geil und juhu, Spaß mit den Freunden“, sondern eine nachdenkliche Stimmung hat.

Wie klingt das Ganze denn nun? Tja, müsste ich Soeckers in einem Satz beschreiben, ich würde sagen: „Stell dir vor, die alten Arctic Monkeys würden auf einer guten Hausparty wild mit Wanda rummachen“. Hier wird Indie Rock gerettet, Leute.

Eine Person eines der größeren Labels hat uns mal gesagt: Find ich richtig gut, die Musik kommt nur 20 Jahre zu spät„, erzählt Johannes lachend. Ernster ergänzt er: „Wenn du als Musiker nicht machst, worauf du stehst, was machst du dann?„. Kurz überlegt er vielleicht doch eine Rap-Karriere zu starten, verwirft den Gedanken aber wieder und stellt fest: „Man findet immer wieder Leute, die froh sind, das genau diese Musik noch gemacht wird.“

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Elektrisierende Gitarren, explosive Drums, der Bass als permanenter Tanzmotivator auf jedem Track – Soeckers machen glücklicherweise genau das, was sie selbst lieben. Unseren Indie ist nicht tot-Dialog schließt der Frontmann mit einem Satz ab, der wie Balsam für mein Herz ist:

Ich denke schon, dass Rockmusik in dem klassischen Set-Up – Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren – immer eine Zukunft haben wird. Ich glaube nicht, dass diese Zeit vorbei ist.

Man hört den Songs an, wie sie von Konzert zu Konzert gereift sind, bevor sie auf „Kopfkarussell“ verewigt wurden. Ich sehe keinen Nachteil darin, wenn Bands klingen wie auf Platte – solange das Album gut klingt. Und so sehen es Soeckers auch. Man wollte den Sound „einfrieren und auf die Platte bringen„, sagt Jules. Stolz berichtet Johannes vom Aufnahmeprozess. Alle in einem Raum, zusammen, „oldschool wie Bands in den 60ern„. Soeckers wollen mit ihrem Debütalbum genau zeigen, wer sie sind. Eine Liveband eben. Johannes lacht:

Wenn man so workaholic-mäßig dran gegangen wäre, hätte man dieses Album auch in drei Tagen aufnehmen können, weil wir es so oft live gespielt haben. Die Songs saßen von vorne bis hinten.

Ich höre mein Vergangenheits-Ich in der Aufnahme unserer Unterhaltung sagen, wie perfekt der Sound in ein Jahr wie 2020 passt, in dem man für jene Musik dankbar ist, die den Konzertkummer stillen und Vorfreude auf das machen, was irgendwann wieder auf uns wartet. Gegenwarts-Anna nickt zustimmend.

Und wenn Soeckers das nächste Mal eines ihrer mitreißenden Konzerte spielt, braucht niemand mit leeren Händen nach Hause gehen. Dann können sie am Merchstand endlich mit Stolz ihr Debütalbum „Kopfkarussell“ verkaufen, statt immer nur davon zu erzählen.

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