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Mit „Young Love“ geht es für Long Tall Jefferson Richtung „Cloud Folk“

Mit „Young Love“ geht es für Long Tall Jefferson Richtung „Cloud Folk“

Wenn die Musik ins Blut fährt, fragt niemand, woher sie kommt. Wenn die Worte dich berühren, ist es kaum wichtig, wer sie singt. Wenn die Geschichte stimmt, ist nicht wichtig, ob sie wahr ist. „Cloud Folk“, das dritte Album von Long Tall Jefferson, ist ein wunderschönes Album voller Kristallgitarren, tiefsitzender Beats und hochfliegender Worte. Es ist ein Album der Sehnsucht, der Zweifel und der Ziele, voller Licht und Luft, gemacht für ewige Momente und das flüchtige Fürimmer. „Cloud Folk“ ist ein Album, das keine Geschichte braucht, keine Fakten und Herleitungen, die es mit Gewicht beschweren. Vielen Dank und viel Vergnügen mit „Cloud Folk“!

Nun, vielleicht ist das nicht genug. Denn „Cloud Folk“ ist auch eine Lösung, ein Ausweg aus der Authentizitätsmühle. Wie echt und nah kann einem so präsenten Künstler wie Long Tall Jefferson die eigene Musik sein, so nach zwei erfolgreichen Alben, nach mehr als 300 Shows in ganz Europa? „Es fühlte sich nach einer Identitätskrise an.“ Simon Borer, der Mensch hinter Long Tall Jefferson, zweifelte. Der so direkte, ihm so nahe Folk seiner ersten beiden Alben war ihm fremd geworden. Das Siegel der Authentizität – das Gefühl der Unmittelbarkeit, das seine Lieder und seinen Sound zwei Alben lang ausgezeichnet hatte – es fühlte sich abgenutzt und einengend an.

„Ich war auf der Suche nach Wegen, meinen Sound für mich selbst wieder interessant zu machen. In einem dieser klassischen Autobahn-Tourgespräche dann ging es einmal darum, wie eine Art Zukunfts-Folk heißen könnte und welche modernen Elemente ihn prägen würden. Meine Gitarristin Franziska und ich erfanden dann Cloud Folk als Fantasiegenre, als Sehnsuchtsort.“ In diesem Moment, irgendwo zwischen den Orten, irgendwo im ewigen Warten-Fahren-Warten-Spielen des Touralltags, irgendwo im Zweifeln an und Nachdenken über Musik liegen die Anfänge dieses Albums.

„Es hat noch einmal sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass genau diese Sehnsucht der Fluchtpunkt für mein drittes Album sein muss“, erinnert sich Borer. „Aber dieses Begreifen machte Entscheidungen einfacher. Ich konnte Songs neu denken, Variationen an- und ausprobieren, mich diesem Ort Stück für Stück nähern.“ Cloud Folk wurde schillernd, bewusst vage, ein Album fürs Jetzt mit Elementen aus Trap, Cloud Rap, Chillwave. Wehmut bassgepolstert, Sehnsucht poliert, Minnesang und Folksong und Singersongwritergeste in ein neues Jahrhundert übersetzt.

„When I was a boy, I had this wild imagination“ sind die ersten Worte dieses dritten Albums. Der Anfangdreißiger Simon Borer hat sie wiederentdeckt und die Gabe gefunden, Lied für Lied über das Lied hinaus zu denken und ihm damit zu dienen. Synthieglitzern, bestimmender Beat, Filterfahrten, Autotune, Streichwerk, sich jäh öffnende Hallräume, Pads und Leads und Sinuskurven – nichts davon ist Ornament, alles ist Musik, alles ist Cloud Folk.

„Ich habe mir einen Produzenten gesucht, der mich aus der Reserve lockt und mit mir eine diffuse Vision greifbar machen kann.“ So entstand das Album im Herbst 2019 in intensiver Zusammenarbeit. Anfang 2020 jedoch merkte Borer, dass er nur eine Betaversion in den Händen hielt. „Ich habe das Album noch einmal an mich gezogen, manche Songs komplett neu aufgenommen, Beats und Sounds geändert, viel gelernt und schließlich den richtigen Punkt erreicht.“

Der richtige Punkt ist der, an dem all das nur für die Chronisten interessant ist. Der richtige Punkt ist der, an dem „Young Love“ die junge Liebe in den richtigen Klang übersetzt, sich zurückhält, cool und schüchtern zugleich, „till one is leaning in.“ Der richtige Punkt ist der, an dem „Better Man“ sein Gitarrenpicking elektronisch flankiert und seiner Suche nach einer modernen, aufgeklärten Männlichkeit die Richtung weist. Der richtige Punkt ist der, an dem „Everything Is Wrong“ seine Resignation in einem traumweichen, sacht schiebenden Finale auflöst.

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Wenn die Musik ins Blut fährt, fragt niemand, woher sie kommt. Wenn die Worte dich berühren, ist es kaum wichtig, wer sie singt. Wenn das Cloud Folk ist, dann ist das Cloud Folk, dann ist das Hier und Jetzt und mit dir mittendrin.

Über „Young Love“ sagt er: „Wenn du wieder mal einen echt deepen Moment mit dir selber hast und in den blauen Himmel guckst. Und du erinnerst dich an deine erste grosse Liebe und was sie gesagt und wie sich das angefühlt hat. Und du bist froh, dass sie damals Schluss gemacht hat, weil du in Erinnerung immer mit ihr 16 sein kannst.“

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