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Shame & „Drunk Tank Pink“: Wieso Post-Punk so wichtig für uns wird

Shame & „Drunk Tank Pink“: Wieso Post-Punk so wichtig für uns wird

Der Post-Punk-Hype ist 2021 längst nicht vorbei, er fängt grad erst richtig an. shame aus South London veröffentlichen nach ihrem Erfolgsdebüt endlich ihr zweites Album „Drunk Tank Pink“.

2020 war musikalisch durchzogen von euphorisierten Alben von IDLES und Fontaines D.C., Letztere wurden dafür sogar für einen Grammy nominiert. shame können mit „Drunk Tank Pink“ somit easy auf die Welle des Alternative-Post-Punk-Indie-Rock aufspringen – dabei bräuchten sie diese gar nicht.

Mit ihrem Debütalbum „Songs Of Praise“ wurden sie 2018 zurecht mit Lobeshymnen überflutet, der Song „One Rizla“ landete auf jeder guten Jahres-Endliste und klingt noch einem rückblickend so unbeschwerten Sommer, wie wir ihn lange nicht mehr erleben werden.

Zeit, dass shame dieses herzschmerzende Loch in unserem Kalender mit neuer Musik füllen. Mit „Drunk Tank Pink“ servieren die Londoner uns allerhand.

Die scheinbar kopflosen Sounds. Puh, das Album eröffnet mit „Alphabet„. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, brach in mir die plötzliche Sehnsucht nach Moshpits aus – dabei stürze ich mich da normalerweise nicht mehr rein. Ich kann es nicht erwarten, den Refrain aus vollem Herzen mitzugröhlen, alles Ernste für eine Weile vergessen. „Water in the Well„, zu dem man umherspringen will, bis die Luft ausbleibt, kurz durchatmet und für „Great Dog“ nochmal all seine Kräfte sammelt.

Die nachdenklichen Tracks, die einem unter die Haut gehen („Born in Luton„) und die shame’s Songwriting repräsentieren. Songs wie „Snow Day„, aber auch das darauf folgende „Human, for a Minute„. Und der Durchatmer am Ende, „Station Wagon“, der dem Album schlagartig, aber auf gute Art und Weise, den Wind aus den Segeln nimmt.

I don’t feel that I deserve / To feel human for an hour / Or even for a minute / While I’m crying with the saints / And I’m laughing with the sinners

Die Rock-Hits. „Nigel Hitter“ brilliert durch seine genialen Gitarren- und Bass-Lines. „March Day“ und „6/1“ durch ihre tanzbaren Indie-Anleihen. Und dann wäre da noch „Harsh Degrees„, das musikalisch um ein Haar in einen elektronischen Vibe überschlägt.

Wieso gewinnt das Genre gerade eigentlich wieder so an Bedeutung und Beliebtheit?

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Gitarrenmusik hatte seine großen Momente im Schweinwerferlicht, konnte sich im Alternative-Bereich mit Namen wie Oasis, The Strokes und den Arctic Monkeys an einer demografisch großen Vielfalt von Fans erfreuen. In den 2010ern wagte man Stilwechsel, die Orientierung an der immer besser werdenden Popmusik blieb nicht aus. Und immer schneller wurden Saiteninstrumente gegen DJ-Pulte und Rap-Set-Ups getauscht. Von Helden zur Nischennummer (auch wenn das viele nie wahrhaben wollten, es war so).

Doch dann, im letzten Drittel der 10er-Jahre, feierte zumindest der Post-Punk ein echtes Revival. Bands wie shame, IDLES, Fontaines D.C., Viagra Boys, The Murder Capital und Preoccupations waren schnell in aller Musikliebhaber-Munde. Politische und gesellschaftliche Frustriertheit traf auf diese gewisse Sehnsucht und dem Verlangen nach musikalischer Vielfalt. Und nach Eskalation im sicheren Raum.

Aber das Tanzen in übervollen Clubs und auf nachmittaglichen Festivalbühnen bleibt vorerst aus. Das schadet dem Genre allerdings überhaupt nicht – auf lange Sicht. Musik, die das Freiheitsgefühl einfängt, das Verlangen nach dem Ausspielen eigener Grenzen und der Wunsch, mal wieder ungebändigt sein zu können. Die Politik, die uns immer häufiger Grund zur Wut gibt und einen Katalysator benötigt. Das Ausblenden der vorherrschenden, kollektiven Traurigkeit. Sowas wie Coming-Of-Age für unsere Generation – quasi ein Coming-Of-Krise.

All das kann Post-Punk mit bloßen Händen fassen, in Musik drücken und uns damit solange anstacheln, bis sich Clubtüren wieder öffnen und die metaphorischen Knoten in uns zerbärsten. Die Ekstase dann keine Grenzen mehr kennen wird. Irgendwann. Ganz sicher.

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