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Tame Impala & „The Slow Rush“: Der Messias der Musik ist zurück

Tame Impala & „The Slow Rush“: Der Messias der Musik ist zurück

Fünf Jahre wartete man voller Spannung auf das vierte Album der Australier. Ein halbes Jahrzehnt mit dieser seltsam selbstverständlichen Gewissheit, dass auch dieses Album ein Geniestreich von Kevin Parker werden würde. Jetzt ist „The Slow Rush“ da.


Ein Artikel von Anna Fliege – Es gibt Tatsachen, die spalten die Weltbevölkerung. Linkshänder und Rechtshänder. Knüller und Falter. Der, die oder das Nutella. Aldi Nord und Aldi Süd. Menschen, die Tame Impala als Erleuchtung und Kevin Parker als Messias der Musikgeschichte sehen. Und jene, die mit hochgezogener Augenbraue den nicht aufzuhaltenden Hype überhaupt nicht nachvollziehen können.

Viele Schubladen, die ich hier öffne, um mich selbst hineinzulegen. Das seltsame Verlangen nach Labels, Typen und Wegen, welches plötzlich laut wird. Weil man auf die Befriedigung des Wegsortierens hofft, das ist doch nur menschlich. Denn Tame Impala selbst passen nicht da rein, nicht dort, nirgendwo.



Mit „One More Year“ öffnet sich die Tür in die psychedelische Wunderwelt. Nur zu gerne möchte ich einmal in Parkers Kopf springen, kopfüber in seine kreativen Gedanken abtauchen, ihn verstehen, ergründen. Woher nimmt jener Mensch, der für die halbe Musikwelt Vorbild, Genie und Muse ist, seine Inspiration?

Das Kaleidoskop aus Sounds und aus Einflüssen, die kein klares Genreverständnis zulassen, keine Grenzen aufzeigen oder Richtigungen vorgeben. Ausufernde Soundlandschaften, die den Hörer in Entdeckerlaune versetzen. Etwas, das ohne Surferparadies-Klischee nach ewigem Sommer klingt. Ein Outta Space-Gefühl. Der LSD-Trip ohne Einnahme chemischer Drogen (ich schwöre, Mama!).

Dabei gibt es grundsätzlich zwei Arten, Tame Impala zu hören. Jene, bei der man sich der Musik hingibt und sich in einen alltagsausblendenen Sog ziehen lässt. Oder die, bei der man Kevin Parkers Worten aufmerksam lauscht und permanent seufzen will, weil man sich verstanden fühlt von Unsicherheiten, Liebeskummer und späten Erkenntnissen.



Die hohe Kopfstimme gepaart mit den prägnanten Basslines dominiert den Großteil der 57 Minuten Laufzeit, wobei ausufernde Instrumentals und verspielte Samples natürlich nicht fehlen dürfen. Und es gibt so viel zu entdecken. Selbst bei Songs wie „Borderline„, die man gefühlt schon 1000 Mal seit dem letzten Sommer gehört hat und trotzdem jedes Mal neue Ebenen, neue Schichten entdeckt. Ist das etwa eine Panflöte? Wie cool und lässig kann eine Panflöte klingen?

Is It True“ mit seinen Disco Vibes, die man irgendwo zwischen Seventies, Eighties und dem French House der frühen 2000er vermuten mag. Das zugänglichere „Lost In Yesterday„. „It Might Be Time„, eine Funknummer mit Stadiongröhl-Refrain, das man Unwissenden auch problemlos als Punk- oder Pink Floyd-Cover verkaufen könnte.

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Doch das Highlight hat sich Parker für den Schluss aufgehoben. Ein für Tame Impala stark reduziertes „One More Hour„, das sich über 7 Minuten lang immer größer aufstellt, um dann in der Mitte plötzlich in etwas auszubrechen, das man als musikalischen Orgasmus bezeichnen möchte. Wie man mit den monoton werdenden Klavierpassagen auf die Folter gespannt wird, nur um vom Break von den Füßen gerissen zu werden. Bei dem man lauthals „JA MAN!!!“ rufen will.

Wie priviligiert man als Tame Impala-Fan ist. Denn mit „The Slow Rush“ ist Kevin Parker genau das gelungen, was jeder erwartet hat. Mit dem jeder, der die Formation liebt, gerechnet hat: Ein weiteres Meisterwerk. Ein einstündiger, zuverlässiger „ich krieg den Mund vor lauter Staunen nicht zu„-Moment. Eine „ich muss jeden WIEDER EINMAL damit nerven, wie gut Tame Impala sind„-Situation.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Neil Krug

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