In Köln-Ehrenfeld tut sich einiges. Häuser werden gebaut, der Netto um die Ecke von der Live Music Hall existiert nicht mehr, Baustellen soweit das Auge sieht. Umbruch liegt in der Luft. Wie sinnbildlich für das heutige Konzert von Jack Garratt im Helios 37, von dessen Tür man auf den Berg aus Schutt blicken kann, der letztens noch ein Discounter-Parkplatz war.


Ein Artikel von Anna Fliege – Sie heißt „Work In Progress Tour„. Als wir uns am Nachmittag zum Interview treffen, frage ich neugierig nach, ob sich der Name auf die kommende Musik oder auf ihn selbst beziehen würde. Aber für Jack gibt es kein A oder B. Kein Schwarz oder Weiß: „It’s all of  it. That is why I called it that. It’s seemed to be an appropriate way of categorizing this little moment„.

Vier Jahre nach seinem Debütalbum „Phase“ kehrt der sympathische Brite zurück nach Köln. Zurück in die Musikwelt. Zurück auf den Radar. Aus dem Augen, aus dem Herzen? Nein. Das gilt weder für Jack selbst, noch für die heute Abend anwesenden Fans, die mit glänzenden Augen dem Multiinstrumentalisten auf der Bühne beim Zaubern zuschauen.



Die Regeln des heutigen Abends sind so einfach wie ungewohnt: Keine Vorband. Stagetime um 19:30 Uhr oder, wie er bei Instagram schreibt: „when I feel like it„. Und keine Handys. Die verpackt man in die am Eingang erhaltende Tüte. Ein kleines Schreiben von Jack erklärt, wieso er zu dieser Maßnahme greift. Es soll sich nur um heute Abend drehen. Um den Moment. Um die Menschen vor Ort. Er möchte Songs spielen, die erst Ende Mai auf seinem zweiten Album „Love, Death & Dancing“ (29.05.2020) veröffentlicht werden.

Es ist ein angenehmes Gefühl, jeder hält sich an die simple Regel und schnell vergisst man seinen alltäglichen Begleiter auch, weil das, was auf der Bühne passiert, 100% Aufmerksamkeit verdient und einräumt. Nur Jack Garratt, um ihn herum ein Arsenal aus Tasten, Knöpfen und Gitarren. Ein Beamer, der die Silouette des Musikers an die Wand wirft. Man kann es kaum beschreiben, wie er Musik in ein mit allen Sinnen spürbares Erlebnis verwandelt. Wie es einen fast von den Füßen haut. Wie ich den Mund nicht mehr zubekomme, weil es so überraschend ist. Die meisten sind so sehr in den Bann gezogen, dass sie glatt vergessen, zu tanzen.



Zwischen den Songs erzählt Jack, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen ist, wieso er eigentlich weg war. Mit einer Offenheit und Ehrlichkeit spricht er über Depressionen und wie er von ihnen beeinflusst wurde, dass das komplette Helios 37 in aufmerksames, respektvolles Schweigen verfällt. Lediglich Jacks famoser Humor unterbricht die Stille mit kollektivem Lachen.

Es ist kein stinknormales Konzert. Die Perfomance der Songs ist zwar ein großer Anteil dessen, was hier dem Einzelnen noch lange im Gedächtnis bleibt, aber es sind auch die Geschichten und Lehren, die Jack teilt. Und an dieser Stelle möchte ich dafür plädieren, diesem Mann ein Comedy-Special bei Netflix zu geben. Selten musste ich bei Konzerten so laut und hemmungslos lachen.



I wrote this album as someone – and for anyone – who likes dancing but doesn’t necessarily want to go out on a Saturday. It’s dance music for people who don’t want to go out!

Ich kläre Jack im Interview darüber auf, warum sein Konzert zu früh beginnen muss: Im Anschluss findet hier eine Party statt. Wir lachen herzlich über die wunderschöne Ironie. Ob er mir zu den Umständen ein Statement für diesen Bericht geben könne, frage ich ihn. „All I can say is: I won’t be there. I’ll be on my bus fastest I can„.

Auch, wenn es bis zum 29. Mai, bis „Love, Death & Dancing“, noch ein paar Wochen dauert – die Vorfreude lohnt sich. Und die Freude darüber, dass Jack Garratt nach vier Jahren endlich wieder da ist und sich wohlfühlt auf der Bühne. Er verspricht zum Ende des Konzertes hoch und heilig, dass er wiederkommen wird, hier nach Köln. Und dass es diesmal keine vier Jahre dauern wird.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Jake Wangner