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ALL EYES ON: Sultans Court

ALL EYES ON: Sultans Court

Als sie im letzten Jahr debütierten, war schnell klar: Von Sultans Court darf man zukünftig Großes erwarten. Anna hat die Wahl-Berliner unter die Lupe genommen und mit ihnen gesprochen.

Es ist April 2019, als sie mit ihrer Debüt-Single „Haunted“ auf der Bildfläche auftauchen. Es fällt auf, in welchen musikalischen Sphären sie sich bewegen. Welch gutes Auge sie für die cineastische Untermalung ihres ersten Songs haben. Und wie aufgeschlossen und unverfroren sie sich gleich zu Beginn ihrer Öffentlichkeit geben. Toxic Masculinity thematisieren und kritisieren sie auf „Haunted“, sagen zurecht: „Das ist Alltag für die meisten Frauen, nur bekommst du sowas als weißer Mann nicht mit – bis du fragst.“

Ende August erscheint die Debüt-EP „From Afar„. Ein Blick von außen auf die Welt, inmitten derer sie selbst stecken. Das Internet aus Freund und Helfer, als Kritiker und Albtraum, alles verpackt in eine 2000er-Leitung inklusive High Speed. Darüber reden wir alle nur zu gerne. Diskutieren über die Netflix-Doku „The Social Dilemma“ und wissen es am Ende des Tages doch eh besser.

Ein Jahr und ein paar zerquetsche Tage später releasen Sultans Court ihre zweite EP „Up Close„. Quasi das Gegenstück zu Nummer 1. Doch dazu später mehr. Beginnen wir am Anfang der außergewöhnlichen Geschichte, die diese Band mit sich trägt. Die ist nämlich ziemlich romantisch – auf ihre eigene Art und Weise.

Diese Geschichte besteht aus mehreren, na nennen wir es Episoden. Alles beginnt in einem Auto zwischen Berlin und Hamburg. Es ist Mitte August und klassische MS Dockville-Zeit. Um zum Festival in Hamburg-Wilhelmsburg zu kommen, benötigt Sänger Julius dringend eine Mitfahrgelegenheit aus der Hauptstadt. Wenig später steigt er zu Gitarrist Konstantin ins Auto, man beginnt sich zu unterhalten. Stellt euch das vor wie Liebe auf den ersten Blick, nur im Band-Kontext. Konstantin erzählt:

Ich hab jahrelang versucht, Leute zu finden, und das auch forcieren wollen und das hat halt nicht geklappt. Ich glaube, dann hat mir der Zufall reingespielt. Und so habe ich Julius in der Mitfahrgelegenheit kennengelernt.

So sind sie also zu zweit. Keyboarder Markus steht in einer Warteschlange beim Pop Kultur Festival zufällig vor Konstantin, man beginnt sich aus der Wartelangeweile heraus zu unterhalten und zack – sind Sultans Court zu dritt. Ich sag euch, beim Anstehen entstehen die besten Freundschaften, ich habe da Erfahrung! Zum Schluss kommt Drummer Leander hinzu, den Konstantin schon aus der Schulzeit kennt, weil sie dort zusammen in der Big Band spielten.

KonstantinDer hatte ganz lange eine richtig coole Band. Und genau als wir dann einen Schlagzeuger brauchten, hat sich seine Band in ganz Deutschland verteilt und war erstmal aufgelöst. Das hieß: Mein Lieblingsdrummer war frei! Und dann hab ich den direkt hier eingeschleust. 

Waren es bei „From Afar“ hauptsächlich Julius und Konstantin, die für die komplette Konstruktion der Musik zuständig waren, erweiterte man den Kreis bei der zweiten EP um Leander und Markus erweitert. Letzterer erzählt, wie ungewohnt die Situation am Anfang war, zu einer Band hinzuzustoßen, die ihre Musik schon bereithielt. Aber die Ernsthaftigkeit und Leidenschaft begeistert ihn so sehr, dass er die Sachen „erst mal nur nachspielte„.

Die beiden sind wahnsinnig gut aufeinander eingespielt, da muss man dann seinen Platz erst mal suchen und auch finden, das geht aber. Und ich habe das Gefühl, das wird immer mehr. Es macht Spaß zu sehen, wie man nach und nach auch die eigene musikalische Identität mit reinbringen kann.

Man hört es „Up Close“ an. Die Veränderung. Fünf Tracks, liebevoll ausgearbeitet bis ins letzte Detail. Einer davon ist „Sublime„, den Sultans Court schon länger in ihrem Liveset mitnehmen. Von der Bühne auf die Platte – inwieweit beeinflusst das einen Song?

Julius: Das war zum ersten Mal eine andere Herangehensweise. Wir haben erst live den Song erprobt, bevor wir uns im Studio richtig Gedanken darum gemacht haben, wie das ganzheitlich klingen soll. Dadurch hatten wir die Freiheit, in diese Lücken zu gehen, die quasi noch da waren. Leander konnte als Schlagzeuger zum Beispiel ganz eigenständig entscheiden, wie er den Song spielen will. Auch bei der Instrumentierung war nicht wirklich klar, wie es am Ende klingen soll. Konsti hat sich auf dem Fuchsbau Festival im Eifer des Gefechts ein Gitarrensolo ausgedacht, was jetzt auch auf der Platte zu hören ist. Es sind jetzt extrem viele Momente auf diesem Song, die vom Livemoment her kommen. 

Die Liveenergie des Abschlusssongs ist eindeutig spürbar. Diese Energie zu bündeln, sei eine richtige Herausforderung gewesen, ergänzt Konstantin. Für die tatsächlichen Aufnahmen der EP lassen Sultans Court ihr Berlin links liegen und fahren aufs Land. Zwei Songideen haben sie im Gepäck, die restlichen drei entstehen vor Ort. Sie wollen ihren Prozess ändern und „rausfahren, um neue Songs zu schreiben„.

Die Leidenschaft und die Ernsthaftigkeit, von der ich vorhin erzählte, steht der Band nur so auf die Stirn geschrieben. Sultans Court lebt von der Hingabe, vom eigenen Wunsch der stetigen Weiterentwicklung. Man lernt sich immer besser kennen, arbeitet noch intensiver zusammen. Der Workflow hätte sich verändert, als „plötzlich vier Meinungen um Raum“ waren, erzählt Konstantin.

Das Zusammenwachsen der Band passt so gut zum Titel „Up Close“ und seinen Themen. Hatte die erste EP noch den Makroblick nach außen und beschäftigte sich abstrakteren Themen, hält man sich jetzt den Spiegel vor, blickt in sich herein. „Es wäre cool, einen Gegenpart zu haben„, denken sich Sultans Court nach „From Afar„.

Man muss sehr ehrlich zu sich selbst sein, das kann dir auch niemand abnehmen„, sagt Julius, als ich ihn Frage, wie schwierig es war, sich so persönlich zu offenbaren. Opener „Good Enough“ entstand beispielsweise inmitten einer Schreibblockade. Und diese konnte der Sultans Court-Sänger nur lösen, indem er eben diese Blockade thematisierte. Es ginge darum, die Hindernisse im eigenen Prozess zu sehen und zu akzeptieren.

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Dieser Anspruch an uns selber, dass das sehr intim und nahbar sein soll, und sehr ehrlich, ist ein sehr Hoher.

Die Texte behandeln vor allem Dinge, die Julius betreffen. Das Läge in der Natur ihrer Bandstruktur, sagt Konstantin. Immerhin müsse der Sänger die Songs interpretieren und performen. Geschrieben wurden die Lyrics trotzdem gemeinsam.

Konstantin: Das war immer eine krass emotionale Erfahrung. Damit ich mit am Text schreiben konnte, musste Julius mir erst mal erklären, was er ausdrücken will und sich ausschütten. Das war super sensibel, weil man in dem Moment ernst nehmen musste, was er fühlt – selbst wenn es etwas war, mit dem man sich selbst noch gar nicht so sehr auseinandergesetzt hat.

Die Jungs haben in ihrer kurzen Bandgeschichte schon eine legendäre Rolle in meinem Leben eingenommen. Als sie Anfang September einen Showcase im kleinen Rahmen spielten, bescherten sie mir mein erstes kleines Live-Erlebnis nach dem Einbruch der Konzertkultur. Ein Moment, von dem ich sicherlich noch meinen Paten-Enkelkindern erzählen werde!

Für die Band, die es so genießt, live auf der Bühne zu stehen, ging es wenige Tage vor unserem Gespräch zum abgespeckten Reeperbahn Festival. „Da hat man halt gemerkt, wie krass man das vermisst„. Eine Tour muss allerdings noch ein wenig warten. Nächstes Jahr aber, versprochen!

Wen Sultans Court am liebsten sehen würden, wenn Konzerte wieder funktionieren? Konstantin schwärmt von Tame Impala und ich stimme direkt zu. Markus würde wahnsinnig gerne mal Anderson.Paak live sehen, da wäre ich auch glatt dabei. Und Julius (Julius schwärmt ebenfalls von Tame Impala („am liebsten monatlich!“ und man, wie gut wäre das?), erzählt dann von einem ÄTNA-Konzert und beschreibt es als „emotionale Grenzerfahrung„.

Bis es wieder Konzerte gibt, hier ein kleiner Tipp: „Up Close“ laut aufdrehen, durch die eigenen vier Wände tanzen und Sultans Court in den nächsten Monaten nicht aus den Augen lassen!

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